»Nein, wir wollen lieber sagen, das Beste kommt zuletzt! Sonst wagen wir anderen uns nicht mehr vor,« meinte der kleinste Kadett treuherzig.
»Gut, so fängst du an,« entschied Käte; »und nun schieß los! Dort der Eichenstrunk ist das Rednerpult!«
Der stramme, kleine Vaterlandsverteidiger schwang sich auf das Podium und begann mit schmetternder Stimme: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte!« Tadellos ging es bis zu Ende, und nach ihm kam Felix an die Reihe. »Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder«, hub er mit Grabesstimme an. Sein Pathos wirkte dermaßen komisch im Vergleich zu seiner übereleganten Verbeugung, daß Käte wieder einmal die Fassung verlor und, leise prustend, Gertrud zuflüsterte: »Höre bloß die traurige Stimme! Er beklagt noch seine Birnen!« Aber ein Blick von Hermann Schack ließ sie verstummen. Unterbrechen gab’s nicht.
Als Karl an die Reihe kam, zog er ein kleines Buch aus der Tasche und fragte: »Kennt ihr Andersens ›Improvisator‹? Nicht? Gut. Dann werdet ihr euch mit mir freuen an seiner bezaubernden Rednergabe. So schildern zu können, muß schön sein! Zum Schluß lese ich euch die Szene am Nemisee.«
Schnell und eifrig flogen die Nadeln der fleißigen Hörerinnen. Gerade beim fortlaufenden Lesen ging die Arbeit noch einmal so leicht; man merkte kaum, wo die Zeit blieb. Als aber die Abendsonne hinter den Buchenkronen vorleuchtete, das Schilf und Rohr drüben am See vergoldete und purpurne Säume um die dunkel aufsteigenden Wolken zauberte, da sank Hanni die Arbeit in den Schoß und ihr Kopf lehnte sich gegen den moosigen Stamm. Ihre Augen glaubten hinter dem See das Albaner-Gebirge aufragen zu sehen, und ihre Gedanken waren in weiter, weiter Ferne, so daß die Worte nur noch wie im Traum ihr Ohr berührten und sie mit einem tiefen Seufzer erst wieder in die Gegenwart zurückkehrte, als Karl das Buch zuschlug. Sie hatte nichts mehr um sich her gesehen, auch nicht, daß Hermanns Blicke die ganze Zeit ebenso versunken gewesen waren in ihren Anblick, wie die ihren in den der fernen Wolkengebilde.
Als sie sich mit fast schmerzlichem Ausdruck die Locken aus der Stirn strich, setzte er sich an ihre Seite.
»Nicht wahr, es tut weh, wenn man aus der Ferne, aus dem Wolkenland zurück muß in die rauhe Gegenwart? Es war so schön, einmal alles um sich her zu vergessen!«
Sie fuhr erschrocken zusammen, als fühlte sie sich ertappt. Als sie aber in seinen tiefen Augen vollstes Verständnis las, kam das Blut in ihr frisches Gesicht zurück und sie nickte ihm herzlich zu.
»O weh, einhalbsieben!« rief jetzt Karl, auf die Uhr zeigend. »Pünktlich müssen wir sein, sonst könnte es für morgen böse Folgen haben! Herr Schack, von Ihnen hören wir noch etwas zum Schluß, nicht wahr? Und Erich und Alfred machen morgen den Anfang.«
Hermann blieb sitzen und begann mit tiefer, fester Stimme den wunderbaren Monolog des Orestes: »Denken die Himmlischen einem der Erdgeborenen große Verwirrungen zu.« – Wie rollende Wogen, die in majestätischer Pracht an die Felsenufer schlagen, so berührten Goethes gewaltige Verse das Ohr und Herz der jungen Mädchen, denen zum erstenmal eine Ahnung aufging von der Größe und Tiefe wahrer Freundschaft. Die Verse waren zu Ende und alles nahm Abschied. Hermann hatte mit großer Wärme Hannis Hand ergriffen und sagte leise: »Nicht wahr, ein solches Einanderverstehen – im tiefsten Innern und ohne Worte – das muß doch alles sonstige Mißverstandenwerden, alle erduldete Einsamkeit gut machen?«