In dem allgemeinen Durcheinander des Abschieds konnte Hanni unbemerkt ihrer Erregung Herr werden, und sie war von Herzen froh, als sie endlich die weiße Bettdecke über ihr Gesicht ziehen und sich gründlich ausweinen konnte. Ach, daß die schönen Ferien und alles, alles so schnell vorbeigegangen!
Noch einer hatte die Decke übers Gesicht gezogen und schluchzte, daß das Bettchen bebte: Der kleine Ernst, dem es war, als schlössen sich die Paradiesespforten hinter ihm und vor ihm läge nichts als trostlose Öde, Straßenlärm, der einen betäubte, ängstliches Ausweichen, statt unbehinderten Herumlaufens, Stubenhocken statt Obstgarten, das graue Einerlei der fürchterlichen Hinterhoffenster. O, o, o! Er drückte den schmerzenden Kopf tief ins Kissen. Kein Pony, kein Bello, der so tolle Sprünge machte, kein Feueranzünden am See, kein Im-Grase-liegen und Hören, wenn die Kuhglocken läuten, die Grillen zirpen und die Frösche quaken!
Niemand, der es nicht durchgemacht, kann sich die Qual vorstellen, die ein Kinderherz durchbebt, wenn es all diese beglückenden Schätze hinter sich lassen muß und in die engen Stadtmauern hinein, die einstweilen nur als ein Kerker erscheinen.
Käte wollte noch etwas aus ihrer Mutter Schlafzimmer holen, bevor sie selber zur Ruhe ging, und hörte zu ihrem Erstaunen das unterdrückte Schluchzen aus Ernsts Kammer. Sie trat an sein Bett und beugte sich erschrocken über ihn, indem sie die Decke wegzog. Aber er riß sie zurück und rief abwehrend: »Laß mich!« So war es manchmal, und dann ging sie ihrer Wege und wollte nichts mehr von dem Brummkopf wissen. Aber heute war sie selber weich gestimmt, und der Jammer, der die ganze Gestalt des kleinen Kerls schüttelte, ging ihr zu Herzen. Sie setzte sich auf sein Bett und legte freundlich den Arm um seine Schultern. »Bist du traurig, Erni, daß wir weg müssen? Ach, weine doch nicht so, sonst fange ich zuletzt auch noch an! Du, bedenke doch, wir sollen ja sicher – ganz sicher – übers Jahr wiederkommen! Das geht schnell hin! Und dann sollst du sehen, es wird auch in Berlin ganz schön sein! Wir beide wollen recht zusammenhalten, nicht, du? Max und Moritz sind ja noch so klein und verstehen nichts davon. Aber wir sind nun beide schon ziemlich groß und helfen uns durch! Ich wollte dir noch erzählen, Tante Else hat mir zum Abschied – mir – eine ganze Kiste voll Sommeräpfel und Birnen geschenkt. Die soll dir mit gehören. Wir machen uns in der Ecke vom Keller eine kleine Obstkammer, aus der wir uns täglich nach der Schule unseren Bedarf holen. Natürlich versorgen wir Mutti und die Kleinen auch, aber die Besitzer sind wir; fein, nicht? Dann habe ich noch eins gedacht: Du hast doch all die Nägel, Hammer und Bohrer vom Rademacher gekriegt. Zu Hause war allerlei, was Mutti gern genagelt und geleimt haben wollte. Ich glaube, das kannst du jetzt schon ganz schön. Wie wird sie sich freuen, wenn sie nie mehr den Tischler kommen lassen muß!«
Nach und nach waren die Tränen des kleinen Schwergeprüften versiegt, und der Gedanke, nicht allein zu sein mit seinem Kummer, linderte seinen Schmerz. Zum ersten Male legte er seine Arme zärtlich um den Nacken der Schwester, der ganz warm ums Herz wurde bei dem ungewohnten Zutrauen.
Als Verbündete gegen den schweren Kampf des Scheidens gingen beide zur Ruhe und schliefen bald sanft und fest.
10. Kapitel.
Dunkle Wolken.
Am Nachmittag nach dem Abschied der Freunde saßen die Schönfelder Damen gemütlich, wenn auch viel stiller als die letzten Wochen, am Kaffeetisch, als der Major mit ernster Miene eintrat. »Denkt doch, was mir der arme Rantzau eben mitteilte – wir trafen uns an der Grenze bei den Roggenstoppeln. Oda ist gar nicht wohl, und gestern haben sie den Arzt geholt, der ganz erschrocken gewesen ist über den Grad ihres Leidens. Er sah sie im Frühling zuletzt, und sie alle waren der Meinung, es sei bedeutend besser mit ihr geworden. Bei ihrem strahlenden Wesen denkt ja kein Mensch an Krankheit, noch dazu, wenn man ihr rosiges Gesicht sieht. Aber der Arzt hat den Kopf geschüttelt und gesagt, ihr Geist habe ganz ungewöhnlich stark die Herrschaft über den schwachen Körper. Wenn das nicht wäre, sei es undenkbar, daß sie sich so aufrecht hielte. In acht Tagen will er sie wiedersehen und einen berühmten Arzt aus Berlin mitbringen, der entscheiden soll, ob sie den Winter hierbleiben soll oder nicht. Ihr könnt euch denken, wie gedrückt der arme Rantzau war. Sie sind so arglos und gewöhnt, daß alles gesund ist. Ich muß ja gestehen, mir bangte schon längst bei Odas andauerndem Husten und ihrem allzu zarten Gesicht.«