Hannis Herz konnte das Gehörte nicht fassen. Sie waren so vergnügt miteinander gewesen. Daß die von allen geliebte, fast verehrte Oda nicht so herumspringen konnte wie die übrigen, hatte sie nicht im geringsten gestört. Im Gegenteil, es war wunderhübsch, sie immer in ihrem reizenden Stübchen oder in der Hängematte unter den Linden anzutreffen. Alles hatte man dann vor ihr auskramen können, an jedem Erlebnis nahm sie wärmsten Anteil. So gern brachte man ihr die reifsten Früchte, die schönsten Rosen, und sie hatte stets so süß gelächelt und leise mit ihrer zarten, weißen Hand die unordentlichen Zöpfe wieder festgebunden. – Ob sie nicht einmal hinüber durfte, auch um zu sehen, was Gertrud machte, die mit innigster Liebe an der einzigen Schwester hing?

Mutter und Tante hatten erst Bedenken, gaben aber endlich ihren Bitten nach. –

Noch gedrückter, als Hanni mit ihrem kleinen Pony weggefahren, kam sie nach zwei Stunden wieder zurück. »Mutti, du kannst nicht glauben, wie verändert Oda aussieht! Es sind doch erst vierzehn Tage, seit wir dort waren! Sie lag im Bett und ihre Hand war fast so weiß wie das Kissen. Nur bei Sonnenschein und wenn sie nicht mehr liegen mag, soll sie ein bißchen aufstehen. Wie wird es bloß werden? Denk doch, wenn sie fort müßte? Sie, die so sehr an der Heimat hängt! – Die arme Gertrud ist ganz außer sich, du kannst es dir ja denken. So lustig sie sonst war, so völlig mutlos ist sie jetzt. Sie war so verweint und aufgeregt, daß sie gar nicht zu Oda hinein darf, weil ihre Erregung die natürlich beunruhigen würde. Ich wollte, sie könnte ihre Angst ein bißchen mehr zurückdrängen, denn Oda mag so gern jemand still bei sich haben. Tante Rantzau sagte, ich sollte mich zu ihr setzen und etwas ganz Harmloses erzählen. Und sie hörte so aufmerksam zu, als ich ihr den Abschied von Max und Moritz schilderte, die durchaus all die langen Stöcke und ihre großen Borkenschiffe mithaben wollten und nur zu trösten waren, als sie sie selber auf den obersten Boden tragen durften und heilig versichert kriegten, nächstes Jahr lägen sie noch am selben Platz. Sie hat auch Käte so lieb gewonnen, und ich soll ihr immer die Briefe vorlesen, wenn Käte schreibt.«

***

Der Berliner Arzt kam, aber die Sorgen der armen Eltern konnte er nicht zerstreuen. Ein schmerzlicher Tag ging mit Untersuchungen, Fragen und Beraten hin. Am Abend kam Hanni, um zu erfahren, wie alles gewesen, fuhr aber gleich wieder heim und machte ihrem bekümmerten Herzen in einem Briefe an Käte Luft:

»Meine liebe Käte! O, wenn Du uns heute in Buchdorf gesehen hättest, Du würdest uns kaum wiedererkannt haben, so anders war alles als vor drei Wochen. Daß Oda nicht wohl war, erlebtest Du ja noch; jetzt ist sie so elend, daß man auf alles gefaßt sein muß. – Wirklich! – Ich spreche es eben zum erstenmal aus, – aber es ist nicht anders.

Professor Howaldt hat heute verlangt, sie solle in den nächsten Tagen abreisen – nach Davos. O, wie mir dabei wird! Du kennst doch das traurige Buch: ›Das große, stille Leuchten‹, in dem der schwere Kampf der armen, dort Leidenden geschildert wird. Und nun denke Dir, sie haben ihr den Beschluß – natürlich mit aller Schonung – mitgeteilt. Oda hat die Nachricht ganz heiter aufgenommen und gesagt, sie hätte es nicht anders erwartet und wollte gern alles tun, was verlangt würde. Dann ließen sie sie allein, damit sie Mittagsruhe hielte. Die Ärzte saßen noch auf der Terrasse, um den Abendzug abzuwarten, da stürzte Line zitternd und weinend heraus, ›sie glaube, Fräulein Oda stürbe‹!

Als die anderen fort gewesen, hatte sie das Weinen nicht länger unterdrücken können. Sie hat gesagt, es sei so übermächtig über sie gekommen, weil sie es den ganzen Sommer gewaltsam zurückgehalten. Der Gedanke an die Trennung und die Aussicht, so bald dies schöne Leben verlassen zu müssen, habe sie überwältigt. Denke bloß, Käte! Da ist sie so sehr in Erregung gekommen – und als Line ihre Milch um vier Uhr brachte, fand sie sie von Blut überströmt.

Sie alle haben ihr nun zugesprochen und versucht, sie zu trösten; aber sie war schon wieder gefaßt. ›Gesund würde sie nicht wieder, das fühle sie mit unabweisbarer Sicherheit. Aber sie sollten wirklich nicht mehr trauern; sie wolle von Herzen gern folgen, wenn Gott riefe; es sei nur der erste Schreck gewesen! Und das stände bei ihr fest: so unaussprechlich viel Liebes sie auch verlassen müsse, bei Gott würde es doch noch schöner sein.‹ Der Professor habe allerlei angeordnet für ihre Pflege, und gesagt, sie müsse sich nun natürlich erst etwas erholen, bevor sie reisen könne. Er wolle bald noch einmal kommen, nach ihr zu sehen.

Ja, Käte, wenn wir so vergnügt sangen: ›Ach, die Rosen welken all‹, haben wir doch nicht geahnt, daß es so schnell ginge! Denk an uns und grüße Deine Lieben.