›Keine unnütze Bagage! Ganz feste Stiefel! Zeug, das jedes Wetter verträgt!‹ Und nun antworte schnell, damit keine Wolke der Ungewißheit länger unseren Himmel trübt! Auf Wiedersehen in den Bergen! Deine glückselige Hanni.

Nachschrift: Damit übrigens Deine Mutter orientiert ist, wohin wir Dich eigentlich entführen wollen, so erzähle ihr folgendes: Unser geliebter, verehrter Hofprediger war einmal in Oberbayern an der Tiroler Grenze und sah aus der Höhe ein über alle Beschreibung malerisch und lieblich auf grüner, grüner Wiese gelegenes Bauernhäuschen. ›O, wer da wohnen könnte!‹

Der Wirt: ›Ja, Herr, das können Sie heute noch. Der Hof ist auf der Gant. Der Bauer hat abgewirtschaftet!‹

Wie ein Wink vom Himmel kam’s dem Manne vor, der oft so abgetrieben war vom Lärm der Großstadt und der Parteien. Hier müsse sich’s ausruhen lassen! Selbigen Tags stieg er hinunter, erwarb den Hof und verlebte beglückende Sommer in der Bergeseinsamkeit.

Aber viele Verwandte und Freunde kamen, um sich mitzufreuen, und fanden wohl eine Streu in dem sehr engen Häuschen schön – aber noch schöner eine Möglichkeit, in behaglichen Räumen wochenlang mit den verehrten Freunden Erholung und Stille zu genießen. So entstand nach und nach im Zusammenhang mit der Stadtmission das Hospiz, in dem man aufs schönste versorgt wird. Dorthin soll die Reise gehen.«

Mit wendender Post kam Kätes Antwort, die ebenso begeistert klang wie Hannis Brief, und mit vielen frohen Vorbereitungen vergingen die kurzen Wochen bis zur Abreise.

Bei strahlendem Sonnenschein fuhr am 11. Juli der Berliner Abendzug in den Münchener Bahnhof ein. München! Wie erwartungsvoll klopfen junge Herzen schon beim Klange dieses Namens! Bilder, Skulpturen, rauschende Brunnen, mondbeschienene Isar, Edelweiß, Nagelschuhe, Würstchen und Münchener Bier – von ferne winkende und lockende Berghäupter – das alles tanzt vor den geblendeten Augen durcheinander.

Vom ungewohnt langen Stillsitzen etwas steif geworden, reckten und streckten zwei uns wohlbekannte junge Gestalten ihre Glieder und sahen sich glückselig und neugierig unter dem bunten Menschengewimmel um. Wie anders sah schon hier die Welt aus als in Berlin. Lustig und anheimelnd klang ihren Ohren der bayrische Dialekt. »Es klingt so herzlich,« meinte Käte, indem sie Hanni auf zwei junge Leute aufmerksam machte, die einander behilflich waren, ihre Rucksäcke aufzuladen, die Lodenmäntel zu rollen und sich dann, mit langen Stöcken bewaffnet, auf den Weg begaben. Sie schienen heute noch einen tüchtigen Marsch machen zu wollen, und mit ihren festen Wadenstrümpfen und kecken grünen Hüten sahen beide aus, als wenn sie jedem Wetter und Ungemach trotzen könnten.

»Am liebsten möchte man doch auch weiterfahren, bis der Schnee da ist,« meinte Hanni. Aber ihr Vater bestand darauf, vorher das geliebte München mit all seinen herrlichen Schätzen wiederzusehen, und als die jungen Mädchen in der Glyptothek waren und die in Nachbildungen wohlbekannten Gestalten nun im lebenverleihenden Marmor erblickten, da konnten sie sich nur mit Mühe losreißen, und der Vater behauptete scherzend, die Anstrengung, seine Lieben von einer Herrlichkeit nach der anderen loszureißen, überstiege beinahe seine Kräfte!

Trotzdem gelang es, in den dazu festgesetzten drei Tagen das Allerwichtigste soweit kennen zu lernen, daß der Wunsch erweckt war, bei jeder nur möglichen Gelegenheit wiederzukommen. Für diesmal ließ die Sehnsucht nach den Bergen sich nicht länger zurückdrängen, und am Freitagnachmittag bestieg man den Zug nach Partenkirchen und langte gegen Abend in dem über die Maßen anmutigen, anheimelnden Städtchen an. Auf der grünen Wiese hingestreut, liegen in malerischem Durcheinander die kleinen bunten Häuser, das weiße Kirchlein mit dem spitzen, grauen Schindelturm, – an den waldigen Berg gelehnt, die Antonikapelle. Die jungen Mädchen waren so völlig im Anschauen verloren, daß sie gar nicht acht gaben, was aus ihrem Gepäck geworden. Zu ihrem höchsten Ergötzen fanden sie es auf den Rücken von drei geduldigen Eseln künstlich aufgetürmt und noch künstlicher festgebunden. Der lange Klaus, der die Esel führte, bedeckte zuletzt alles mit einem wasserdichten Leinen und fragte: »Isch nu olles, die Herrschaften?«, worauf der Major noch einmal zählte: »Sechs Stück; aber auch gerade genug für Ihre Grauen!«