»Nun bitte, meine Lieben,« forderte er seine Damen auf, ein leichtes Wägelchen zu besteigen, »eine halbe Stunde geht’s noch per Wagen, wie dieser brave Rosselenker meldet. Die letzten 1½ Stunden sind wir auf Schusters Rappen angewiesen. Wird das nicht zuviel werden?«

Aber in dieser herrlichen Luft zu ermüden, wies man als eine Unmöglichkeit zurück, und selbst die Warnung: »Nur für Schwindelfreie!« am Eingang der tosenden Partnachklamm schreckte nicht zurück. Als man dann die brausenden, donnernden Wasser und die furchtbar drohenden Abgründe hinter sich sah, atmete doch jeder erleichtert auf. Gleich im Anfang hatte die Gebirgswelt ein Stück von ihrem großartigen und grausigen Ernst gezeigt.

Rüstig wurde nun weitergeschritten. Immer mächtiger und erhabener wurden die Bilder. Das wunderbar klare, weißgrüne Wasser der Partnach sprang und rauschte neben dem Fußpfad über Felsen und Geröll. Wenn nicht die Herrlichkeit dessen, was die Augen erblickten, die Lippen hätte verstummen lassen, so hätte es das nie endende Rauschen der Wasser getan.

»Hat man je solche Tannen gesehen!« rief Käte ganz überwältigt. »Das sind ja wahre Riesen; und solch Grün, wie diese Wiese, habe ich mir noch nie träumen lassen! O Hanni, Hanni, mir ist, als müßte mir das Herz zerspringen! Ich kann es nicht fassen, daß dies alles Wirklichkeit ist!«

Weit drüben auf dem etwas bequemeren Hochweg trieb Klaus seine Esel in gemütlichem Trott vorwärts, und als er eine Höhe erreicht, stieß er einen langgezogenen Jodler aus, mit dem er die auftauchenden Spitzen und die unten Wandernden grüßte. Seine Töne weckten den Widerhall der Berge. Käte stand still und erhob ihre Stimme zu einem wirklich ähnlich klingenden Jauchzen, obgleich jedermann weiß, daß Jodeln für den Nordländer schwer oder nie zu lernen ist!

»Das kam von Herzen, Käte!« lachte der Major.

»Ja, ganz gewiß! Aber wenn das arme, kleine Herz sich hier nicht mal kräftig Luft machte, müßte es einem vor Wonne zerspringen!« rief sie mit flammendem Rot im Gesicht. »O Hanni, komm mal her!« Damit küßte sie die Freundin ab, daß der Hören und Sehen verging.

Trotzdem es auf und nieder ging, hatten aller Augen so viel zu sehen, daß man von Müdigkeit nichts fühlte. Und als zum Schluß der steile Aufstieg kam, war man erstaunt, daß nur noch zehn Minuten bis zum Ziel sein sollten.

Auch die letzte Zickzack-Windung wurde überwunden, und vor den Wanderern lag auf der grünsten aller Matten das nach dem Bilde schon bekannte, freundliche Bauernhaus, und wenige Minuten weiter das so einladende Hospiz. Wie klopften die Herzen, als man nun wirklich eintrat und unter dem grünumrankten Dach des hölzernen Vorbaues den greisen Hausherrn mit einigen Gästen plaudernd sitzen sah! Sein Gesicht hatte man von fern manches Mal im Gottesdienst in Berlin gesehen – aber ihm jetzt selber die Hand drücken dürfen, von den freundlich strahlenden, blauen Augen hier in der Alpenherrlichkeit willkommen geheißen zu werden, das gab dem Ganzen eine Weihe, die den jungen Menschenkindern tief ins Herz drang. Dieses Gefühl wurde noch verstärkt, als am Abend die sämtlichen Gäste in dem äußerst gemütlichen Wohnzimmer zusammenkamen, um Gottes Wort zu hören, das der Geistliche in seiner schlichten, eindringlichen Art auslegte. Als die Klänge eines kräftig gesungenen Chorals den Abendsegen beschlossen, wandten sich manche interessierte Blicke, um zu sehen, wem die beiden frischen Mädchenstimmen gehörten, und ein Ausdruck heller Freude glitt über alte, müde Gesichter beim Anblick dieser lebensfrohen Jugend.