17. Kapitel.
Jeder für jeden.
Ganz betäubt von der Flut neuer Eindrücke, wollte Hanni sofort ins Bett, als endlich auch die nötigen Begrüßungen und Vorstellungen überwunden waren. Aber da kam sie bei Käte schlecht an! Die mußte erst ihr ganzes neues Reich in Besitz nehmen. Die Schiebladen wurden verteilt, die Sachen eingeräumt, die unterwegs gepflückten Sträuße mußten erfrischt und neu geordnet werden, und als Hanni endlich meinte, Ruhe zu bekommen, entdeckte die nimmermüde Freundin, was ihr bisher bei dem Dämmerlicht der Kerze entgangen war, daß eins der Fenster in einer kleinen Balkontür endete und daß man von draußen den wunderbarsten Rundblick hatte über eine ganze Bergkette, die von seltsamen Wolkenfetzen gespenstisch umzogen wurde.
Nun konnte fürs erste von keiner Ruhe die Rede sein. Nachdem die Aussicht in jeder Richtung genossen war, begann von neuem das Rücken der Möbel. Eine kleine Chaiselongue wurde herausgezogen, denn »einen solchen Ort für die Mittagsruhe gibt’s ja auf der Welt nicht weiter«! Es mußte probiert werden, welches Tischchen Platz hätte, bis der Geschäftigkeit ein jähes Ende bereitet wurde. Ein kräftiger Schlag ließ die leichte Bretterwand erzittern und eine rauhe Baßstimme rief: »Hört die Turnerei nun wohl bald auf! Da übt doch lieber mal eure Kräfte beim Heumachen, statt hier müden Wanderern den Schlaf zu rauben!«
Tödlich erschrocken krochen die beiden Missetäter in ihre Betten, und in wenigen Minuten schliefen sie tief und fest, so daß sie sich am anderen Morgen nicht besinnen konnten, wo sie waren. Erst als die Glocke erscholl, die gestern abend alle ins Wohnzimmer gerufen, stieg mit einem Schlage die ganze, herrliche Gegenwart wieder lebendig empor; und jetzt kam ihnen die unglaubliche Geschwindigkeit im Anziehen zustatten, die sie sich beim vielen Baden an der See angewöhnt hatten. Als das zweite Glockenzeichen rief, konnten sich beide, wenn auch noch mit ziemlich verwirrten Gesichtern, den übrigen Gästen anschließen, die von allen Seiten dem Wohnzimmer zuströmten. Etwas scheue Blicke schickten sie zurück nach der benachbarten Tür und drängten schnell voran, als ein stattlicher alter Herr sie eben hinter ihnen öffnete. Auch er sah ihnen erstaunt nach und betrachtete sich dann noch einmal die Nummer ihres Zimmers.
Nach der Morgenandacht nahmen alle Spätgekommenen ihre Plätze am Frühstückstisch auf der Veranda ein. Da war die Verlegenheit der beiden Neulinge nicht gering, den Grauhaarigen mit gemütlichem Lächeln ihnen gegenüber zu finden. Er machte sich als Professor X. aus Bonn bekannt und sprach sein lebhaftes Bedauern über einen Irrtum aus, der ihm begegnet sei. »Aber man wird eben altersschwach! Ich dachte nicht anders, als daß die verflixten Studenten wieder im Gange wären, die neulich mit den Damen gewettet hatten, sie könnten im Notfall ebensogut, ja besser, ein Zimmer instand setzen als die Weiblichkeit. Das gab ein Gepolter und eine Überschwemmung sondergleichen – aber das Resultat soll ja gut gewesen sein.
Nun meinte ich gestern abend im ersten Schlaf, daß ich das Opfer einer zweiten solchen Wette geworden wäre, und deshalb wurde ich so grob, wie ich mir jungen Damen gegenüber nie erlaubt haben würde – falls sie mir nicht ins Kolleg gelaufen kommen! Aber danach sehen Sie mir nicht aus!«
Von solchen Gelüsten erklärten sich beide frei, und da war alles andere schnell vergessen, und als die »idealste Mahlzeit des ganzen Tages«, wie der alte Herr das Frühstück angesichts der Schneeberge nannte, vorüber war, da war auch schon eine gemeinsame Partie auf die Angerhütte verabredet. Es erhoben sich freilich Stimmen, die es sehr unverständig nannten, gleich am ersten Tage einen anstrengenden Weg zu machen, aber »da laß sie denn die Folgen tragen«, entschied der Major, »ich hoffe, Soldatenkinder werden keine Schlappheit zeigen!«
Und er hatte sich nicht geirrt. Ohne die geringsten Spuren von Anstrengung kletterten die beiden Mädchen Tag für Tag in den Bergen herum. Oft machte ihr zum guten Freund gewordener Nachbar den Führer, zuweilen auch schlossen sich ganze Gruppen zusammen, und die gemeinsamen Freuden und Mühen des Wanderns bildeten einen Ton treuer Kameradschaftlichkeit aus. Niemand fühlte sich einsam in dem Kreise. Auf die älteren oder weniger Kräftigen wurde immer Rücksicht genommen. Denen, die nicht wandern konnten, brachte man Blumen oder Erdbeeren mit, und war gar einer der Gäste elend oder leidend, so fand sich immer jemand, um Gesellschaft zu leisten oder kleine Liebesdienste zu üben.
Deutlich zeigte sich dieser Gemeinsinn eines Abends, als man eben zu Tisch gehen wollte und jemand fragte: »Wo sind denn Schwester Dorothee und Fräulein von Ansbach?«