»Aber, liebstes Tantchen, er ist doch ein großer Mensch. Und verfehlen kann man sich hier gar nicht; bei jeder Wegbiegung gibt es Zeichen.«
Bei einer kurzen Rast begann die Tante: »Hanni, eins nimm mir nicht übel: Ich begreife nicht, wie du mit einem jungen Herrn über solche Natürlichkeiten sprechen kannst, wie vorhin. Das finde ich doch nicht weiblich!«
»Aber Tante Lucie,« brach die vorlaute Käte los, »finden Sie denn unter allen Umständen Unnatürlichkeiten schöner? Da verlassen Sie sich drauf, es geht Ihnen sicher noch wie jener Dame, die bei unserem alten Lotsen in Warnemünde gemietet hatte: Als sie die Wohnung beaugenscheinigt, fällt ihr Blick auf die gewaschenen Anzüge des Alten, die zum Trocknen auf dem Hofe hängen. ›Liebe Frau, das Männerzeug da kann ich aber nicht vor meinem Fenster leiden – das müssen Sie wegnehmen,‹ sagt sie naserümpfend. Am anderen Tage kommt der Sanitätsrat, um der fremden Dame den Puls zu fühlen. Da stellt sich die alte Jansen breit vor ihn, weist höhnisch mit dem Finger auf seine Unaussprechlichen und erklärt: ›Ja, Herr, de mötens öwer ihrst uttrecken. De Dam de kann kein Mannsbüxen seihn!‹«
»Ich hatte nicht gedacht, daß du noch immer so unmanierlich und naseweis sein könntest, liebe Käte,« meinte die Tante, indem sie ziemlich verstimmt ihren Weg fortsetzte. Von dem verlorenen Neffen war nichts zu erspähen, soviel man sich auch umsah. Ja, man erreichte ohne ihn das Ziel, und nach vergeblichem Warten ging alles zur Ruhe, ohne eine Kunde von seinem Verbleiben.
Die schwerbekümmerte Tante ergab sich erst in ihr Schicksal, als der Major energisch erklärt hatte: »Wir würden uns ja lächerlich machen, wenn wir noch länger auf den Jungen warten wollten. Er sitzt ganz einfach unten in einem der vielen Gasthäuser und behütet seine Kleinodien. Ein solches Untier von Koffer ist durch diese Wege einfach nicht zu bewegen. Hoffentlich nimmt er sich daraus eine Lehre und macht nicht wieder solche Albernheiten.«
Als eben das ganze Haus im tiefsten Frieden lag und kein Ton mehr ans Ohr drang, als leises Grillenzirpen von den Wiesen und das in der Stille lauter heraufklingende Rauschen der Partnach, da erhob sich ein hier oben nie erlebtes lautes Lärmen, Hin- und Herrennen, Türenklappen, erregtes Sprechen, Treppauf-, Treppablaufen. Manche von den Gästen, die der erste süße Schlummer umfing, fuhren erschrocken in die Höhe, in der Meinung, wieder mitten drin zu sein im lauten Getriebe der Großstadt, dem sie so selig den Rücken gekehrt.
Am anderen Morgen gehörten unsere Schönfelder Freunde, wie gewöhnlich, zu den ersten am Kaffeetisch. Da fragte ganz beiläufig der Major: »Habt ihr den Spektakel gestern abend eigentlich gehört? Es ist doch nicht jemand krank, daß der Arzt geholt werden mußte? – Käte, um Himmels willen, was ist dir denn? So sei doch vernünftig!«
Die Angeredete hatte den Kopf auf ihre Arme gelegt, und die Schultern bebten ihr vor Lachen.
»Ach, Vater, es war eine greuliche Sache,« erklärte Hanni, in deren Gesicht es auch verräterisch zuckte. »Die arme Tante tat mir so leid, und ich fürchte sehr, sie hat heute von all der Aufregung solche Migräne, daß sie nicht aufstehen kann.
Erst hatte sie viele Schwierigkeiten mit ihrem Bett, mit dem nötigen warmen Wasser usw. Sie ist auch gewöhnt, daß ihr Sophie beim Frisieren hilft. Ich hoffe aber, das kann ich ganz gut lernen. Als nun alles um elf Uhr geregelt war und sie ganz erschöpft im Bett lag, da fing das Klopfen und Poltern an.