Am Mittag des Ludwigstages brachte der Postbote einen zierlichen, duftenden Brief an Tante Lucie, den sie sehr erwartungsvoll erbrach. Ihr geliebter Neffe war am vorigen Abend nicht nach Hause gekommen. Jetzt schrieb er: »Verehrteste Tante! Ich bin untröstlich, die schönen Tage im Hospiz nicht bis zu Ende mit Dir verleben zu können. Aber Umstände, über die ich keine Macht habe, hindern mich. Ich bekam Nachrichten von meinem Korps, die mich veranlassen, unverzüglich nach München zurückzukehren. So muß ich Dir leider schriftlich für alle Freundlichkeit danken und Dich bitten, den übrigen verehrten Herrschaften dort meine ganz ergebenen Grüße auszurichten. In tiefster Ehrerbietung Dein gehorsamer Neffe Felix. NB. Meine Sachen bist Du gewiß so gütig, an meine Adresse in München zu schicken.«
»Der Tausend, ist das ein Bengel!« rief der entrüstete Major. »Läßt da seine arme Tante mit seinem ganzen Nachlaß sitzen! – Ist mir das eine Manier! Zu dem Katzensprung von Partenkirchen hier herauf sollte es doch wohl noch gereicht haben! – Nein, liebe Cousine, keine Entschuldigung! Da gibt es keine – als vielleicht die, daß so einem Herrchen nicht rechtzeitig die Höschen stramm gezogen sind!«
Als die jungen Mädchen später allein waren, warf Hanni der doch etwas bestürzten Käte vor: »Die letzte Schuld hast du, du Bösewicht. Er hat allmählich gemerkt, wie greulich du ihn zum besten hast, und da hat er sich zurückgezogen.«
»Na, dann bin ich auch froh, wenn es ein Ende hat!« fuhr Käte los. »Das muß ich dir sagen: Ein Vergnügen war es nicht, bei all den schönen Wegen immer sein fades Gerede anzuhören. Und ich bin doch nur aus Gutmütigkeit zuerst mit ihm gegangen, um dir ein bißchen Ruhe zu verschaffen. Das sah er, eingebildet wie er ist, natürlich gleich als Entgegenkommen an und war nicht wieder loszuwerden. Ist es da unerlaubt, in der Not starke Mittel anzuwenden? Nein, mir ist ordentlich leicht zumute! Nun wird’s erst hübsch!«
Der Abend verlief sehr fröhlich. Mit herzlicher Freude nahm der liebenswürdige Hausherr die Huldigung seiner jungen Gäste entgegen, und jeder war entzückt über den Anblick der schönen, jungen Gestalten in der reizvollen Volkstracht. Besonders Hanni fanden alle noch viel hübscher als sonst schon mit den dicken, blonden Flechten über der weißen Stirn.
Nach all der Munterkeit kam niemandem der Übergang schroff oder störend vor, als die Glocke rief und die ganze Gesellschaft sich wie immer beim Abendsegen zusammenfand. Die Herzen waren so dankbar gestimmt für all die Freude und Erholung dieser schönen Ruhetage, daß sie aufrichtig einstimmten in des Hausherrn Worte: »O Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!« Hermann hatte sich, wie gewöhnlich, die kleine »Marterbank« in Hannis Ecke zu sichern gewußt, und als ihr flüchtiger Blick den seinen streifte, las sie tiefe Bewegung in seinen Zügen.
Nach Schluß der Andacht trat man noch einen Augenblick auf die Galerie hinaus, um festzustellen, wie weit der Mond endlich Herr würde über die zerrissenen Wolken. Da fragte Hanni leise: »Nicht wahr, dies ist doch von allem das schönste, so zusammen diese ewige Wahrheiten hören und empfinden?«
Er sah ihr tief in die blauen Augen: »Neben Ihnen sitzen ist schön und mit Ihnen zusammen etwas hören, was Sie freut, ist schön. Das andere, was Sie meinen, ist alles so fernliegend, so ungewiß. Der eine glaubt dies, der andere das; woran soll man sich halten? Ich halte mich an das, was ich sehe und höre – an das, was ich habe!« Er wollte ihre Hand ergreifen, aber sie sah es nicht. Über ihr Gesicht glitt ein dunkler Schatten.
»O bitte, ich habe Sie doch nicht betrübt? Nichts täte mir weher! Sie meinen doch nicht, ich möchte Ihnen etwas von Ihrem Glauben verwischen? Ganz im Gegenteil. Sie könnte ich mir gar nicht ohne denselben vorstellen. – Nur ich kann doch nicht vorgeben, anders zu sein, als ich bin?«
»Gewiß nicht,« sagte sie so leise, daß er ganz nahe kommen mußte, um es zu verstehen. »Aber können Sie denn wirklich nicht die Wahrheit dessen sehen, was mir so feststeht?«