Sie wurden unterbrochen. – Aber noch in tiefer Nacht konnte ihr bewegtes Herz keine Ruhe finden. War es denn wirklich denkbar, daß man alles, alles gemeinsam empfand – und nur das Tiefste, Wichtigste nicht? Was nützte dann alles übrige! Heiße Tränen netzten ihr Kissen und erst, als der Morgen graute, schloß der Schlaf die Augen und süße Träume lösten allen Schmerz.

22. Kapitel.
Am Kreuzweg.

Hell strahlte schon die Sonne vom reingewaschenen Himmel, als Frau Gerloff am nächsten Morgen in das Zimmer der jungen Mädchen trat. Erschrocken rieben sich beide die Augen und konnten sich nur langsam auf die Gegenwart besinnen, bis der Mutter Worte sie in die Wirklichkeit zurückriefen.

»Denkt, Kinder, was Frau Pastorin schreibt: Tante Ida ist gar nicht wohl. Sie hat es durchaus verschweigen sollen. Aber allmählich ist es so ernst geworden, daß das nicht mehr anging. Die Sache läßt mir keine Ruhe; ich meine, wir sollten so schnell wie möglich heimreisen.«

»Tante Ida! Was mag ihr nur fehlen? – Lungenentzündung, fürchtest du? Mutti, da laß uns gleich heute fahren,« rief Hanni, deren noch wunde Seele sich instinktiv dem Leiden zuwendete. »Unmöglich können wir uns hier freuen, während sie dort ganz allein leidet. Nicht wahr, du? Wir packen schnell, dann können wir heute abend abreisen!«

Käte stand wie betäubt da! So schnell dies alles aufgeben? »Ende der Woche«, das war ein Begriff, den man noch einstweilen von sich abschieben konnte. Aber heute! Ihr Herz zog sich wie im Krampf zusammen.

Aber »Soldatenkinder weinen nicht«, sprach sie sich innerlich vor. Dabei kam sie gar nicht zu Ende mit ihrer Wäsche, denn es waren immer neue Tränen wegzuspülen. – Hanni war doch auch in allem größer! Mit keinem Ton klagte sie. Still, wie im Traum, räumte sie ihre Sachen zusammen. Sie schien nur in die Ferne – wohl an Tante Ida – zu denken! So ein Maß von Selbstlosigkeit ging nun doch über Kätes Fassungsvermögen. Sie hatte andauernd an Tränen zu würgen und sah oft scheu von der Seite hinüber, ob denn die Freundin völlig ungerührt bliebe. Aber nichts war zu bemerken. Nur als die Malgeräte an die Reihe kamen, drang es wie verhaltenes Schluchzen an Kätes Ohr. Das Gesicht der Freundin sah sie nicht, da diese aus dem Fenster starrte, und es dauerte lange, bis sie ihre Arbeit fortsetzte. Käte nahm wahr, wie sie das Blatt mit dem Enzian und den Kiefernzweigen aus der Mappe zog und nicht mit einpackte.

Am Nachmittag hatte der Hausherr die scheidenden Gäste zum Abschiedskaffee ins Bauernhaus geladen, und mit ihnen die Münchener Freunde, deren Stunde auch bald geschlagen hatte. Man saß im vertrauten Gespräch beieinander, und die Rede kam auf frühere Gäste des Hauses. Nach dem Ergehen einer jungen Gräfin aus der Umgegend wurde gefragt, die eine besonders liebe Schülerin des Hausherrn gewesen. Da umdunkelten sich seine lachenden blauen Augen, und er erzählte von der traurigen Ehe der gläubigen Protestantin mit dem Manne aus stockkatholischem Hause. Um sich von den trüben Bildern abzuwenden, fragte der völlig Ahnungslose seine nächste Nachbarin: »Nicht wahr, Kind, das täten Sie nimmer, einen Mann nehmen, mit dem Sie im Allerwichtigsten nicht einig wären?«