Wie die Stimme des Gerichts schlugen die Worte an das Ohr des sowieso im Tiefsten bewegten Mädchens. Vor ihren Blicken wurde es dunkel, und wie laute Glockentöne summte und brauste es ihr in den Ohren. Sie hatte das deutliche Gefühl, dies sei eine Schicksalsstunde. Kaum war ihr klar, was sie tat, und ihre eigenen Worte klangen ihr wie fremde Laute aus weiter, weiter Ferne, als sie leise, aber ganz fest sagte: »Nein, nie im Leben. Ich würde ja keine glückliche Stunde haben.«
Es war gesagt. Was weiter geschah, empfand sie nicht mehr. Alles, was sie noch an Kraft besaß, mußte sie aufwenden, um ihr Gleichgewicht äußerlich zu wahren. Die Gestalten bewegten sich wie Puppen an Draht vor ihren Augen, ihre Stimmen klangen wie durch eine dicke Wolke – den Sinn der Worte verstand sie nicht. Nur ein paar todestraurige Augen in einem blassen Gesicht sah sie deutlich auf sich gerichtet, und sie meinte, den Schmerz nicht zu überleben. Trotzdem bewegte sie sich ruhig wie immer. Ihre Lippen sprachen ihren Dank beim Scheiden aus, und nachdem auch das überwunden, wanderte man den sonst so vertrauten, wohlbekannten Bergweg entlang.
Sie fand sich nicht mehr zurecht. Lag denn ein dichter Nebel heute über aller Welt? Trennte der sie auch von ihrem Begleiter, der stumm neben ihr herging? Oder trennten ihre eigenen Worte sie nun für alle Zeit von dem, dem sie immer und immer hätte nahe bleiben mögen?
Die übrige Gesellschaft war weit voraus; schon näherte man sich dem Ziel.
Am Kreuzweg, wo die grünen Tannen den Blick ins Tal verdeckten, blieben die beiden stehen. »O Hanni,« rief er, und der Schmerz machte seine tiefe Stimme unsicher, »es ist zu schwer, so zu scheiden! Wie anders hatte ich’s mir gedacht! – Und doch darf ich mein Wort nicht brechen. Wissen Sie noch? Sie waren ein kleines Mädel und sagten so voll Zutrauen: ›Um etwas, was ich nicht dürfte, würden Sie mich doch niemals bitten?‹ Ich versprach es ohne eine Ahnung, wie Schweres ich auf mich nahm. – Was soll nun werden?«
Welch ein Glück, daß er in seiner klaren, schlichten Männlichkeit sie für so viel fester hält, als sie ist. Hätte sie in diesem Moment überwältigenden Trennungswehs die Kraft gehabt, zu widerstehen, wenn er sie überredet hätte?
Sprechen kann sie nicht, die Kehle ist wie zugeschnürt. Aber aus ihrer Tasche zieht sie das Blatt mit den blauen Blumen. Der Rand mit der Kritzelei ist abgeschnitten, aber in der Ecke steht geschrieben: »Suchet, so werdet ihr finden.«
Flehend sehen ihre Augen zu ihm auf, als er die Worte liest. Da kann er nicht widerstehen. »Ein einziges Mal muß ich Ihnen sagen, was Sie mir sind,« ruft er, und seine Lippen berühren ihre goldenen Haare, während sein Arm sie fest an sich zieht. – Dann, den Talisman in seiner Tasche bergend: »Ich will’s ja versuchen – ganz gewiß!«
»Hanni, es wird hohe Zeit; wo bleibst du?« rief es von unten, und schnell strebten die Nachzügler dem Ziel entgegen. Wie gut, daß bei der Erregung und dem Wirrwarr der Abreise jedermann mit sich selbst und seinen Angelegenheiten zu tun hatte; so bemerkte niemand, daß die zwei in einer anderen Welt lebten und nichts von dem Getriebe sie berührte.
Der Zug setzte sich in Bewegung, und dahin flog all das, was einem so lieb geworden. Erst grüßten noch Schneehäupter und riesige Tannen die Scheidenden, dann lachte der tiefblaue Starnberger See sie an und versuchte einen Widerschein der Freude auf blassen Gesichtern zu erwecken – zuletzt verschwanden auch die letzten zarten Umrisse der Spitzen und Zacken, und mit einem Seufzer aus tiefster Brust empfanden sie: die Bergwelt lag hinter ihnen.