23. Kapitel.
Stille Zeiten.
»Ach, Kinder, seid ihr wirklich da? Das ist ja zu schön. Ich meinte, es würde noch lange dauern. O, o die Hitze! Aber nun wird’s ja besser. Ach, Hanni, deine schöne, kühle Hand! Nein, wie ich mich freue!«
So schlimm hatte man sich die Krankheit doch nicht gedacht. Glühend brannten die armen eingefallenen Wangen, die Pulse flogen. – Nur mit Mühe war Hanni zu bereden, sich nach der langen Fahrt ein paar Stunden schlafen zu legen und diese erste Nachtwache noch der treuen Marie zu überlassen. Die nächsten Tage und Nächte gönnte sie sich kaum die allernötigste Ruhe und Erholung. Ihr armes Herz konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, nun auch das verlieren zu sollen, was neben der Elternliebe so recht der Sonnenschein ihrer schönen Kindheit gewesen, die auf einmal in weitester Ferne hinter ihr zu liegen schien. Sollte Gott auch dieses Opfer von ihr verlangen?
In dunklen Tagen und Nächten rangen ärztliche Kunst und treueste, aufopfernde Pflege um das teure Leben. Die schwache Flamme flackerte oft so matt, daß man kaum noch wagte, eine Hoffnung festzuhalten.
»Ich fürchte, diese Nacht kann’s ernst werden,« sagte am Sonnabend abend der alte Hausarzt, der die Kranke seit seiner Jugend kannte und verehrte. »Wenn Sie wünschen, lege ich mich hier schlafen, damit ich für den Notfall bei der Hand bin. Ich habe zu Hause einen Vertreter bestellt.«
Dankbar schüttelte der Major dem treuen Freunde des Hauses die Hand. »Und das kleine Fräulein will nicht zu Bett? Nun, dann aber nächste Nacht auf jeden Fall. Nur unter der Bedingung erlauben wir’s!«
Hanni nickte schmerzlich lächelnd. Wer wußte, ob nächste Nacht noch jemand wachen müßte! In ihrem Großvaterstuhl setzte sie sich so zurecht, daß sie jede Bewegung der Fiebernden sehen, jeden unausgesprochenen Wunsch erfüllen konnte.
Aber die Unruhe war geringer in dieser Nacht, und über dem langen Stillsitzen schlief die ganz Erschöpfte endlich fest ein.