Erschrocken fuhr sie gegen Morgen empor. Hörte sie recht? Mit kräftiger Stimme, wie man sie lange nicht gehört, fragte die Kranke: »Was soll nun der Unfug, daß die Lampe hier in den hellen Tag hinein vergebens brennt und das Kind im Stuhl sitzt, statt im Bett zu schlafen! – Ach, jetzt erinnere ich mich – es war wegen der dummen Fiebergeschichte! Na, nun kannst du aber schlafen gehen, es ist vorbei, und ich will auch wieder Ruhe haben. – Nein, nichts zu trinken! Mahlzeiten im Bett sind mir greulich. Ich stehe dann nachher auf.«
Hanni mußte beinahe lachen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. So war denn die Krankheit gebrochen? – Um die Tante nicht zu ärgern, legte sie sich wirklich nebenan aufs Bett, und die beiden schliefen bis in den lichten Morgen.
Wenn nun auch ein langes Krankenlager mit vielen Beschwerden folgte, so sah man doch stetig Fortschritte, die alle Mühsale gering erscheinen ließen. Auch das Interesse erwachte allmählich wieder, und die Kranke fragte nach den Einzelheiten der Reise, die allen schon in neblige Vergangenheit gerückt erschien. Große Freude erregte jeder Brief, der etwas aus der fernen Welt mitteilte, und gegen ihre Gewohnheit las Frau Gerloff fast alles vor, was sie in diesen Tagen bekam. »Es wird dich interessieren,« sagte sie eines Morgens, »was unsere liebe Frau Schack von ihren letzten Tagen im Gebirge schreibt: ›Sie können sich nicht denken, wie schwer es mir wird, von hier abzureisen, wo ich vielleicht die schönsten Wochen meines Lebens verlebte. Ich deutete Ihnen doch einmal an, welch ein Schatten über unserem Glück läge durch das kalte, fremde Verhältnis unseres Ältesten zum Elternhause. Nie konnte ich den Schmerz darüber verwinden und fühlte mich wie ein Eindringling, der ihm die Heimat gestohlen. Es kam mir wie ein Raub an seinem älteren Rechte vor, wenn mein Mann sich an unserem Bübchen freute und mit ihm fröhlich war. – Und doch konnte ich nichts ändern. – Wie durch ein Wunder ist das alles jetzt anders. Sie haben ja gesehen, wie sonnig und beglückend Hermann die ganzen Wochen war, als wäre eine Eiskruste von seinem Herzen geschmolzen. Harmlos konnte er mit seinem Vater scherzen, und wie selig und stolz war mein Kleiner, wenn der große Bruder ihm soviel Liebe und Interesse bewies! Ich kann nicht anders denken, als daß der Geist tiefer Frömmigkeit auf ihn Eindruck gemacht, den wir alle in dem Hause empfanden. Anfangs zog es ihn gar nicht zu den Andachten, und wenn sein Vater ihn darauf anredete, so meinte er, die Natur draußen sage ihm viel mehr, als alle Menschenworte. Aber ich habe deutlich gemerkt, wie sein Interesse immer reger wurde. In der Zeit, die wir nach Ihrer Abreise noch dort verlebten, hat er keinmal oben gefehlt, obgleich mein Mann nie mehr Wünsche derart äußerte. Und es war mir wahrhaft beglückend, wie herzlich er sich in diesen letzten, sehr viel stilleren Tagen an uns und besonders auch an den kleinen Bruder anschloß. Er vermißte natürlich das fröhliche Treiben von vorher, aber dann zog er sich nicht, wie früher, in sich selbst zurück, sondern war lieb und rücksichtsvoll, so daß ich mit neubelebter Hoffnung für unser Zusammenleben heimreise.
Hoffentlich ist auch Ihnen nun die Sorge für Ihre teure Kranke ganz abgenommen – und hoffentlich erleben unsere lieben Kinder einmal wieder solch ein schönes Zusammensein. Es würde für meinen Mann und für mich die größte Freude bedeuten.‹«
Hanni hatte am Fenster gestanden und dem Herbststurm zugesehen, der unbarmherzig die Weinranken zerzauste. Als die Mutter geendet, glitt sie aus dem Zimmer. Der Kopf war ihr so dumpf. Vielleicht tat der Sturm draußen gut. – Lange ging sie, in Sinnen verloren, unter den hohen Linden auf und nieder – auf und nieder. Wie hundertmal waren ihr hier draußen die Gedanken klar geworden. Jetzt wollte es nicht hell werden in ihrem Innern. In der Dämmerung sah sie nicht, wie ihre Mutter vom Hause her auf sie zukam, bis diese leise den Arm um ihre Schulter legte und mit ihr weiter ging.
»Ja, Liebling, das Wort, was uns da oben am ersten Tage gesagt wurde – weißt du es noch? – es ist schwerer als wir damals meinten: ›Wer mir folgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.‹«
»Mutti, es ist zu schwer!«
»Aber er hilft doch.«
»Das fühle ich nicht recht. Ich fühle nur die schreckliche Trennung, die ich kaum ertragen kann. Du verstehst mich, Mutti, nicht wahr? Wenn ich auch nicht zu dir von allem gesprochen. Du weißt, daß ich dir nie etwas verbergen würde und daß du alles von mir gern wissen sollst – aber aussprechen kann ich manches nicht.«
»Ist auch nicht nötig, Liebling, ich verstehe dich schon ohne Worte, und mir tut das Herz weh um dich. Aber ich weiß auch, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Und du hast Gott lieb.«