»O, ganz gewiß, das habe ich. Aber glaubst du denn nicht, daß er, der Gott noch nicht kennt, ihn auch lieb gewinnen kann? Man kann das doch auch noch lernen, nicht, du?«
»Sicher kann man das, zumal wenn man so ein gerades, reines Herz hat, wie er! Wenn er nur selber recht will und sucht.«
»Mutti, das tut er,« sagte sie mit einem Aufleuchten in ihrem schmal gewordenen Gesichtchen. »Das tut er sicher! Er hat’s mir versprochen,« fügte sie leise und errötend hinzu.
»Dann darfst du auch getrost hoffen, Kind. Und ich werde dir helfen, Gott zu bitten; nicht, du? Das werden wir beide schon nicht vergessen.« Innig umarmten sich die zwei, die noch nie ein Geheimnis voreinander gehabt und sich noch nie etwas anderes als Liebe erzeigt hatten.
Als die Blätter im Park in buntem Wirbel zur Erde fielen, da konnte man die Kranke, in Decken gehüllt, ins Wohnzimmer hinunterbringen, wo, wie in alten Zeiten, das Feuer im Kamin knisterte und die Bratäpfel knackten. Behaglich dehnte die Genesende sich in ihrem bequemen Sessel und sah auf ihren Liebling, dem die flackernden Lichter das krause Haar vergoldeten, die zarten Wangen aber noch durchsichtiger erscheinen ließen.
»Nun ist wieder alles, wie’s sein soll. Läuft denn nun mein Kind auch tüchtig in die frische Luft, damit die roten Backen wiederkommen? Bald kann ich die Stubenfarbe nicht mehr ansehen.«
»Wenn’s nur erst Frost und Schnee gibt,« war die leise Antwort; »diese weiche, trübe Herbstluft macht so müde! – Aber da kommt die kleine Rieke mit dem Suppentopf auf den Hof; soll ich einmal nachfragen, ob’s ihrer Mutter besser geht?« Damit war sie zur Tür hinaus geschlüpft.
Kopfschüttelnd sah die Tante ihr nach, dann, zu ihrer Schwägerin gewandt: »Sag bloß, Else, was habt ihr da oben mit dem Kinde gemacht? Sie ist nicht mehr dieselbe. Denk doch, wie ihr die Augen lachten? Nicht müde zu kriegen war sie! Wie manchmal sagte Günther: ›In der steckt das Leben verquer!‹ Jetzt, sobald sie sich unbeobachtet glaubt, – wie müde ist ihre Haltung, wie abwesend die Augen! – So etwas ist doch nicht nur die Sorge um eine alte Tante? Kein Mensch macht mir das weis.«
Ganz kurz erzählte die bekümmerte Mutter der mitfühlenden Seele, was geschehen war. Wieder und wieder schüttelte diese den Kopf. »Was du sagst! Die arme kleine Maus! Muß sie denn auch erst so schwer durch? Ich meinte, diesem Sonnenkind müßte alles Glück in den Schoß fallen. Nun verstehe ich! Ach nein, wie mir das leid tut! Aber Else, meinst du nicht, daß es sich noch zurechtzieht? Er ist ein so feiner Mensch; dem hätte ich sie wohl gegönnt. – Aber wir wollen sie nichts merken lassen!«
»Hanni,« sagte die Mutter zu der Eintretenden, »ich glaube, wir müssen endlich mal zu Rantzaus fahren. Vater hat gerade Zeit, und die Pferde sind auch frei. Ihr beide werdet schon ganz gut einen Abend ohne uns fertig, nicht wahr?«