Der Sonnenschein von vorhin war aus dem Gesichtchen weggewischt, es sah zum Erschrecken ernst und elend aus. Die Augen, die mich eine Sekunde lang voll angesehen hatten, gingen zu ihrem Freunde hin, als wollten sie sagen: Hilf mir. Der drückte ihr nur still die Hände. »Sei gut, Kind, sei lieb,« flüsterte er. Es brach eine Schönheit, die nur die haben, die lieben, aus seinem Runzelgesicht heraus.
»Verzeih mir,« sagte ich noch einmal. Hier war nichts zu erklären, hier hatte ich keine Würde und kein Amt, es war nur das eine zu sagen: Verzeih mir.
Da nickte Elisabeth, ernst und schwer, und sah mich voll an; wie ein reifer Mensch einen andern Menschen ansieht, dessen Schuld und dessen Kummer er sieht und begreift – und dem er helfen kann.
»Ja,« sagte sie leise, wie aus tiefen Gedanken heraus, dann noch einmal: »Ja.« Sonst nichts. Aber sie zog die eine ihrer heißen Hände aus denen ihres Freundes und gab sie mir.
Dann kam eine große Bangigkeit und Atemnot, und ich mußte gehen. Als ich durch die nächtlichen Gassen schritt, sah ich hinter den Fenstern da und dort die Christbaumlichter brennen, und ich dachte daran, wie ich vor einer Stunde noch, denn viel länger war es nicht her, so froh in den heiligen Abend hineingegangen war, und was ich nun mit mir herumtrage. Zu Hause fand ich das Bäumchen und allerlei Geschenke, und die Haushälterin fragte vorwurfsvoll, wo ich denn gesteckt habe, die Kinder seien dagewesen, und ob ich denn das nicht wisse? Als sie mich wieder allein ließ, zündete ich ein einziges Lichtlein an und saß bei seinem kleinen Schein, lange saß ich so. Ich merkte nicht, wie es verlöschte, ich hatte mit mir selber zu tun.
Ich wußte wohl, es geschah kein Wunder, das mir das Kind zurückgab, damit ich es aufs neue gewinne durch geduldige Liebe und durch neues Vertrauen. Ich durfte seine Augen nicht aufleuchten machen, ich mußte sie immer wieder vor mir sehen in Bitterkeit, in suchendem Flehen und zuletzt in dem tiefen, schweren Ernst, mit dem sie mir das Geschenk der Verzeihung gaben.
Aber ich selber lebte noch. Das Amt war noch nicht von mir genommen, so unwert ich mich dessen fühlte zu dieser Stunde und von da an noch oft. Es saßen noch Kinder vor mir, und ich konnte noch lernen – und ich wollte es –, sie zu lieben und mich von ihnen lieben zu lassen. Ich konnte das köstlichste Gut, ihr Vertrauen, suchen und ihnen das meinige geben, und wenn ich ein scheues, hilfloses Gesichtlein vor mir sah, dann sollte der Schmerz, den mir die Erinnerung machte, eine warme, helle Flamme der Liebe in mir anzünden, die bis auf den Grund ging und die helfen konnte. Ich konnte noch einmal Teil an der großen Freude bekommen, die allem Volke widerfahren ist. Sie ist Liebe, und ich hatte sie nötig, denn ich war in mir selber arm geworden.«
Der Erzähler schwieg, und das Kind, das mit klopfendem Herzen zuhörte, sah, wie seine alte Freundin still nach seiner Hand griff und sie drückte.
Das Lichtchen am Christbaum war herabgebrannt, nun flammte ein Tannenzweiglein auf. »Der Baum brennt!« rief das Kind unwillkürlich. Da stand der alte Herr auf und drückte die Funken aus.