Aber sie hatte nicht viel Zeit, darüber zu grübeln, obgleich sie immer noch im Lehnstuhl saß und sich nicht fortbewegen konnte. Denn nun horchte sie wahrhaftig noch zu, was die beiden mit einander zu bereden hatten. Sie wollte nicht allein im Wohnzimmer sitzen, obgleich der Rektor sagte: „Wenn dir’s aber zuviel wird, Anne?“ Es fing allerlei an, sie zu interessieren, wozu sie früher nicht so die ruhigen Gedanken gehabt hatte. Von unseren Vorfahren von alten Zeiten her, und wie das deutsche Land aussah, zur Zeit von Christi Geburt und noch früher.
Einmal, da nickte sie sehr einverstanden mit dem Kopf. Das war, als die Rede darauf kam, wie die alten Frauen, die unter unseren Vorvätern lebten, in so hohen Ehren standen. Von der Last der Jahre gebückt, den Schnee des Alters auf dem Scheitel, zahnlos der Mund, aber noch glänzend das Auge, so wohnten sie unter den ihrigen und sahen Enkel und Urenkel, und die starken Männer, rauh vom Jagd- und Kriegshandwerk, gingen ehrerbietig mit ihnen um, und die Jugend zügelte vorlaute Reden, wenn die Ahnfrau sprach.
Ja, manchmal erhob sich eine zusammengekauerte Gestalt vom Herdfeuer, an dem sie gesessen, zu voller Höhe, wann der Feind ins Land fiel oder wenn die Barden neue, seltsame Nachrichten brachten von fremden Göttern und Völkern. Und sie reckte die Hand aus und deutete Vogelflug und Wetterzeichen, verwob Vergangenes und Künftiges und sprach verheißende Worte und sank wieder auf den Ruhesitz zurück. Und im Kreise ging ein Gemurmel: „Hört ihr’s, was die Ahnfrau sprach?“
„Abgesehen von der unchristlichen Zeichendeuterei,“ sagte die Rektorin, „wäre es nicht übel, wenn heutzutage noch etwas davon übrig wäre. Aber das ist nun anders. Wo in aller Welt hat eine alte Frau noch etwas zu sagen?“
Da waren sie schon neben ihr.
„Ja, jetzt lacht ihr; das Lachen, das soll wohl etwas helfen?“
„Aber Anne, wer hat denn zum Beispiel hier in diesem Hause etwas zu sagen außer einer gewissen alten Frau?“
„Großmutter, du kannst dich nicht beklagen.“
„So? Ich alte Frau sitze hier und soll das alles mitanhören. Still. Ich rede nicht von heute. Aber gestern, das mit den Erdschichten, und wie die Gletscher entstanden und die Gebirge und Meere. Was soll ich damit? Auch habe ich starken Verdacht, daß es nicht christlich sei, dem allem nachzugrübeln. Wenn wir das wissen sollten, stünde es in der Bibel.“
„Aber Anne; Gott hat ein Haus gebaut und wir sollten als Kinder des Hauses nicht darin umherstöbern dürfen, und, so viel Kinder verstehen können, nachsehen, wie das Kellergewölbe beschaffen ist und das Fachwerk und das Dach? Weil uns das nicht von vornherein gesagt ist, sollen wir uns nicht besinnen dürfen und nicht fragen? Anne, es bleibt noch genug übrig, das nicht zu ergründen ist; davon wollen wir die Hände lassen und warten, ob der Vater uns einmal als erwachsene Söhne wird in seinen Bauplan mit hineinsehen lassen. Wenn nicht, müssen wir auch so zufrieden sein.“