Inzwischen war weder in Wiblingen noch sonstwo auf der Welt das Leben stehen geblieben. Die Alten waren mehr in das Alter und die Jungen mehr in die Jugend hineingewachsen.
„So,“ sagte Gertrud Cabisius, als Georg nach dem Maturitas nach Hause kam, „das hätten wir hinter uns.“ Immer noch „wir“, wie einst, da sie als Kinder unter dem Apfelbaum saßen und Pläne schmiedeten.
Dort saßen sie auch jetzt wieder, dort und an allen alten Plätzen. Aber nun waren sie groß geworden. Er lang und schmal und etwas blaß, immer noch mit leichten Sommersprossen auf der Stirn, immer noch mit dem weichen, etwas verlorenen Gesichtsausdruck, den Kopf manchmal wie horchend etwas vorgeneigt, immer noch leicht zu hohen, starken Gefühlen entflammt, die ihn wie Flügel trugen, und leicht auf die Erde geworfen, die Nase nach unten. Sie breit und hoch gewachsen, mit kräftigen, etwas schweren Bewegungen, trug den stark entwickelten, klugen Kopf, um den die braunen Zöpfe lagen, sicher und aufrecht, so, wie ein guter, junger Baum seine Krone trägt. Ihr Gesicht war ein wenig bräunlich, breit und offen, der Mund schmal und fein, die Nase, die war ihrer Großmutter geheimer Kummer, denn sie nahm entschieden ein bißchen viel Platz ein, die Augen braun, klug und warm dabei.
„Wenn sie ein Mann wäre,“ dachte die Großmutter im Stillen, „dann wär alles gut.“ Dem Rektor war die Enkelin recht, wie sie war; er fand so viel Erfreuliches an ihr, daß er nicht noch mehr begehrte.
Er hatte im vergangenen Herbst Feierabend gemacht. Achtundvierzig Jahre seines Lebens hatte er der Jugend gewidmet. Als er ging, hatten sie in der Wiblinger Lateinschule ein Fest gefeiert, mit Reden und Gesängen, und man hatte ihm gesagt, daß er ein gutes und wackeres Werk vollbracht habe, und hatte ihm eine goldene Taschenuhr von beträchtlicher Größe und Dicke gewidmet, und ein Schüler hatte ihm in Versen gewünscht, daß diese Uhr noch viele freundliche Stunden für ihn zeigen möge. Es war ein schönes Fest gewesen; und jedermann fand, daß dem alten Herrn nun das Ausruhen zu gönnen sei; auch der neue Rektor, der ein feuriger, eifriger Mann war, fand das. Und es gehörte offenbar zu den Schwächen des Alters, das sich nicht mehr leicht umgewöhnen kann, daß der Rektor Cabisius sein gewohntes Tagewerk und seine Jugend dennoch vermißte.
Aber das sollte er nicht lange tun.
„Großvater, jetzt soll’s fein werden,“ sagte Gertrud und nistete sich in der Studierstube ein, und schlug alle die Bücher auf, nach denen ihr lebendiger, junger Geist stand.
Da ging es dem alten Herrn wieder wie einst: „Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg, es ist eine Freude, ihr zuzusehen, und eine Freude, sie zu unterrichten.“
Da freuten ihn denn bald seine freien Jahre wieder. Er hatte die Jugend bei sich im Haus.
Die Großmutter konnte sich billigerweise auch nicht beklagen. Eigentlich und im Grunde tat sie’s auch nicht. Die Gegenwart war ihr recht, nur die Zukunft machte ihr hie und da Sorge.