Denn, junger Herr, die Frau Meisterin, die hat das Heft in der Hand gehabt und der Meister, der hat so tun müssen, wie sie wollte.

Und als er gesehen hat, wie dem Buben alles verhagelt war, und daß ihm das Wasser in die Augen geschossen ist, da — er ist so unrecht nicht gewesen —, da hat er gesagt: ‚Wenn du’s einmal kannst, dann darfst du blasen, sauber und glatt, dann hat meine Frau — dann haben wir nichts dagegen. Aber vorher nicht.‘

Alles was recht ist, junger Herr. Es tut nicht schön, — obgleich ich nicht viel davon verstehe, — wenn einer ein Blasinstrument an den Mund setzt, das er noch nicht zu blasen gelernt hat.

Aber das muß ich doch sagen, wenn er sich nicht üben darf, dann lernt er’s auch nicht. Also, so war’s bei meinem Buben.

Aber, das hab’ ich schon einmal gesagt und sag’s noch einmal: wenn einer weiß, was er will. Da hat der Bub ein ganzes Jahr lang jeden Abend in den Kleiderkasten hineingeblasen, kein Mensch hat’s gehört, und hat sich geübt. Und als das Jahr herum war, da hat er eines Abends das Fenster aufgemacht und hat über die Gasse hin geblasen: „Wie schön leucht’t uns der Morgenstern,“ und hat zu keinem Menschen etwas gesagt. Und am andern Morgen sagt der Meister beim Kaffee: „Wilhelm, wenn du’s so könntest, wie der, der gestern Abend geblasen hat in der Nachbarschaft, dann hätt’ kein Mensch etwas dagegen. Siehst du? Der kann’s.“ Da hat mein Wilhelm ein Schelmengesicht gemacht und gesagt: „Meister, das bin ich gewesen.“

Ja, und von da an, sehen Sie, junger Herr, da ist er über das Gröbste hinüber gewesen. Und jetzt? hab’ ich’s schon gesagt? jetzt ist er bei den Stadtzinkenisten auf dem Stiftskirchenturm. Ja, und so weit kann’s der Mensch bringen, wenn er sich übt in der Geduld und wenn er das Schenie dazu hat.“

Da glitt Georg Ehrensperger von seinem hohen Sitz herunter und sagte, daß er nun wieder ins Haus müsse und gab dem Alten die Hand.

Und es war eine Pause von einer halben Stunde gewesen, und der Nachmittag lag noch ebenso still über der Altstadt, und das Notenheft lag noch auf dem Boden, ganz wie vorher.

Aber nun hob er es auf und machte sich dahinter und tat, wie Knupfers Wilhelm, er übte sich in Geduld, und als Frau Mollenkopf nach Hause kam, da übte er auch sie in der Geduld, und es ging ihm wie allen, die auf mühseligen und eintönigen Wegen an ein ersehntes, schönes Ziel gelangen müssen: er kam, einen Schritt um den andern, — um noch einmal mit dem Hoforgeltreter Knupfer zu reden „über das Gröbste hinaus“.

Viertes Kapitel