Der kleine Mann drehte sich um und sah auf, als er die Tür hinter sich knarren hörte. Da stand der lange, schmale, junge Mensch vor ihm. „Ich — es ist mir etwas“ — nein, nun mochte er doch nicht lügen. Er bückte sich und hob das Tuch auf. Aber der Holzspälter war nicht schwerfällig. Er hatte gleichfalls Lust zu einem kleinen Schwatz. Er hatte ein rundes, freundliches Gesicht, das an beiden Seiten von einem schmalen, dunklen Bart eingerahmt war. Das Kinn war glatt rasiert. Auf dem Kopf prangte eine mächtige Glatze. „So?,“ sagte er, „nicht auf dem Volksfest, junger Herr, hm?“ „Nein,“ sagte Georg, und, da ihn beim Anblick des kleinen Mannes ein heimatlich-behagliches Gefühl überkam, so wuchs ihm der Mut, hinzuzusetzen: „Und Sie, Sie sind ja auch nicht dort.“

„Ha, ha,“ lachte der Holzspälter und trennte mit einem mächtigen Hieb ein Stück Holz in zwei Teile, „das wär ja schön. Ich da unten! Nein, wissen Sie, alles was recht ist, ich kann Holz spalten, wie einer. Aber so extra gewachsen bin ich nicht, daß ich mich grad auf dem Volksfest zeigen möchte. Ha, ha,“ er lachte wieder, es schien ihm ein erheiternder Gedanke zu sein, daß er dort drunten seinem Vergnügen nachgehen könnte, er!

„Meine Frau ist hingegangen,“ fuhr er fort, „natürlich. Wissen Sie,“ nun reckte er sich aber doch ein wenig und legte die geballte Faust auf die Brust, „bei mir, da tät es sich auch wegen des Standes nicht recht schicken, daß ich zu so was ginge.“

Georg machte große Augen. Wegen des Standes?

„Ja,“ sagte der Mann, „das sieht man mir nicht an, wenn ich Holz spalte; ich bin so ein bißchen geistlich, wenn man so sagen will. Kirchlicher Beamter. An der Hoforgel; Orgeltreter in der Schloßkirche.“ Sein Gesicht drückte plötzlich etwas wie Würde aus; es war ihm vollständig ernst mit dem Stand. „Man muß immer wissen, was sich schickt,“ sagte er.

Da kamen sie denn unversehens in ein dauerhaftes Gespräch. Es fiel Georg Ehrensperger nicht ein, zu lachen. Er interessierte sich für die Orgel, er fand es viel schöner, selbst etwas damit zu tun zu haben, als nur zuzuhören. Und er gestand, Orgelspielen, das gehöre zum Höchsten; wenn er heimkomme nach Wiblingen, in der großen Vakanz, dann wolle er es versuchen; er bekomme schon den Schlüssel, das wisse er. Der Hoforgeltreter staunte. Das war ein kühner Gedanke; ihm, das mußte er gestehen, war es immer unbegreiflich, wie man es so weit bringen könne. Mit Händen und Füßen zu spielen, das war doch schon eine Leistung. „Aber freilich,“ nun lachte er wieder, „ich hab’s in der Musik auch nicht weit gebracht. Alles, was recht ist. Auf einem Kamm blasen, das kann ich, und das Orgeltreten, das versteh’ ich, wie einer. Aber mein Sohn, der!“ Er schüttelte den Kopf, als ob ihm jeder Ausdruck fehle, zu sagen, was sein Sohn für einer sei. „Der ist bei den Posaunenbläsern auf dem Stiftskirchenturm. Alle Achtung.“

Ja, das war so das richtige Thema für die beiden.

Georg Ehrensperger saß auf der Holzbeige und der Alte, er hieß Knupfer, auf dem Haublock.

„Wenn einer will,“ sagte er, „wenn einer weiß, was er will. Der? der hat’s wohl gewußt. Jawohl, junger Herr. Alles was recht ist.

Ich hab’ ihn zu einem Schreiner in die Lehr’ getan. Aber immer gepfiffen und gesungen, und immer Musik im Kopf. Hat alle Pfennig zusammengespart, wissen Sie, hat allemal Trinkgelder bekommen, wenn er die toten Leut hat müssen helfen in die Särge legen. Ja, und da ist beim Vorkäufer da drüben ein Piston feil gewesen, ein altes Ding, aber noch gut. Das hat er gekauft, als er die Hälfte des Geldes beieinander hatte; die andere Hälfte hat er nach und nach bezahlt. Der Vorkäufer, der kann auch rein alles, der hat ihm die Griffe gezeigt. Und da ging’s an. Aber, o je, als der Bub in seiner Kammer hat blasen wollen, da ist der Meister gekommen, der Schreiner. Hat einen Kopf gehabt, so rot wie, wie —“ er sah sich vergeblich nach einem Vergleich für die Röte von des Meisters Kopf um, es gab nichts so rotes — und hat gesagt — und hat geschrieen: ‚Still, auf der Stell’, und daß ich das nimmer hör. Meine Frau sitzt drunten und hat die Händ’ vor den Ohren. Meinst du, ich woll’ deinethalb um den Hausfrieden kommen?‘