Er zog während der Schulstunden an den Fingern, daß sie knackten. Das sollte ja gut für die Gelenkigkeit sein.
Nein, das war wohl nicht möglich, daß er je so weit kam. Zuweilen, da konnte es ihn förmlich rütteln. „Ich will aber,“ sagte er zu sich selbst und zu Ernst Daxer, der immer bereit war, ihn anzuhören. Und dann konnte sich Frau Mollenkopf segnen, wenn er im Gymnasium war, und segnen, wann er in seiner Stube saß und zu lernen hatte. Denn im Übrigen gab es keine Rettung, weder für ihre Ohren, noch für ihr altes Klavier.
Es war ein Klimperkasten; aber da war nun nichts zu machen, Georg fand, es sei immerhin besser als gar keins.
Wenn nur das Denken nicht wäre.
Es wäre ein solch schöner, ungestörter Nachmittag gewesen.
Aber nun fiel ihm ein: ob er wohl später, wenn er das alles in den Fingern hatte, und wenn er einmal ein rechtes Klavier besaß, ob er dann alles das, was ihm so eigenes durch den Kopf ging, spielen konnte? Nicht nur so ein bißchen verlegen in der Dämmerung — nein, recht wie es sein mußte? Am Ende gar niederschreiben? Aber dazu mußte man noch ganz andere Dinge lernen, soviel wußte er nun auch von der Sache.
Während dieses Nachdenkens lagen die Hände ruhig auf den Tasten. Dann erschrak er und spielte weiter. Es war eine dumme Geschichte, das war nicht zu leugnen: er hätte das alles schon lang lernen sollen, dann wäre er jetzt weiter. Eine einfache Wahrheit; aber nun war es so, wie es war. — Der Milchwagen da unten; die Blechkanne stießen beim Fahren aneinander; im Dreivierteltakt, dachte er. Aber eine davon, die ratterte immer dazwischen, ratatat—ta. Es war unausstehlich. So, nun war es vorbei.
Er konnte wohl auch eine Pause machen, das Übungsstück war nicht so überaus anziehend. Ja, um es recht zu sagen, er hatte es plötzlich dicksatt. Er nahm es und warf es mit Wucht auf den Klavierdeckel, da rutschte es weiter und fiel zu Boden. Von dort mußte es Georg später wieder aufheben, das war alles, was damit erreicht war.
Obwohl gar nichts besonderes auf der Straße zu sehen war? Nein, nach vorn heraus nicht. Aber vielleicht im Hof? Es konnte ja ausnahmsweise sein. Ja, da stand ein kleiner, buckliger Mann und spaltete Holz. Georg kannte ihn vom Sehen, er wohnte im Hinterhaus und ging als Holzspälter auf Taglohn und hatte eine große, starke Frau. Sonntags, da gingen die beiden schon des morgens mit den Gesangbüchern aus dem Haus; also wohl in die Kirche. Der Mann trug dann immer einen langen, schwarzen Rock; es sah eigentlich drollig aus: die kleine, gebückte Gestalt, und die langen Rockschöße, die fast auf dem Boden hingen.
Georg hatte plötzlich Lust, den Mann ein bißchen kennen zu lernen. Es war sicher besser, ein wenig mit dem Spielen auszusetzen. Es ging nachher um so frischer voran. Als er so weit war in seinen Gedanken, ließ er eins der Handtücher, die zum Trocknen aus dem Fenstersims ausgebreitet waren, in den Hof hinunterfallen. Ja, es muß gestanden werden, daß er es tat. Er hätte ja ruhig hinuntergehen können und ein Gespräch anknüpfen. Aber so war Georg Ehrensperger nun eben nicht beschaffen. So hätte es Gertrud Cabisius gemacht; daran dacht er im Hinabgehen. Denn nun mußte er das Handtuch wieder holen.