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Es wurde auch in allerlei andern Dingen nicht entschieden, wer stärker sei. Dazu nahmen sie es nicht ernst genug, wenn sie je einmal daran gingen, sich zu messen.
Marie mußte noch oft den Kopf schütteln. So etwas hatte sie doch ihrer Lebtage noch nicht gesehen.
Manchmal, da schienen sie zwei richtige Kindsköpfe zu sein.
Sollte man es glauben? Sie ritten ja wahrhaftig noch auf dem Treppengeländer: wer es besser konnte. Und sie stiegen miteinander auf den Turm und ließen sich von Frau Judith Märchen erzählen: Goldmarie und Pechmarie, und vom Machandelbaum, und halfen dem Meister Nössel beim Läuten. Der war auch eisgrau geworden. — Und dann wieder waren sie so überaus ernsthaft, huh. Da saßen sie ehrbar in der Laube, oder an dem Steintisch unter dem Ahorn, oder in der Wohnstube und lasen aus schweren, dicken Büchern und oft in einer unverständlichen Sprache, und machten nachdenkliche Gesichter und sprachen so klug, daß es Marien eine Gänsehaut gab, wenn sie nur in die Nähe kam. Sie, Marie, hütete sich wohl, in ein Buch zu sehen, außer Sonntags, wo sie in der Kirche das Gesangbuch benützte. Es war ihr rein unverständlich, wie zwei junge Genossen derlei Dinge miteinander treiben konnten.
Manchmal stritten sie sich auch. Aber worüber? Kein Mensch konnte verstehen worüber, meinte Marie.
Aber Marie hatte „eine Ahnung“, wie Georg sich ausdrückte, was ja freilich heißen sollte, daß sie keine Ahnung habe.
Sie war aus dem Weiler Hinkelsbach, der ganz nah bei Wiblingen lag, und konnte von der Dachluke aus den Rauch ihres väterlichen Hauses sehen, und war ein junges, vergnügtes Ding, und konnte wunderschöne, alte Volkslieder singen, zu denen Gertrud häufig die zweite Stimme sang. Aber im übrigen, was wußte sie von dem, was die beiden einander mitzuteilen hatten?
Sie bekamen ja richtig den Kirchenschlüssel, und Georg spielte die Orgel und Gertrud sang einmal mit ihrer tiefen Altstimme Händels Largho von dort oben herunter in die leere Kirche hinein und wunderte sich, wie voll es klang, und saß ein andermal mit in dem Schoß gefalteten Händen und horchte vom Schiff aus und meinte, daß die Orgel noch nie so geklungen habe, wie heute, da ihr guter Kamerad daran saß. Sie wußten es nicht anders, als daß sie immer noch Kameraden seien. Sie besannen sich auch nicht darüber. Hatten sie nicht ihr Leben lang alles geteilt, und einander gequält, wenn’s sein mußte, und einander verstanden, besser als alle anderen Freunde, trotz mancher Reibereien?
Gertrud hatte nicht so recht das Zeug zur Freundschaft mit den jungen Mädchen des Städtchens. Das war von jeher so gewesen, weil sie immer am liebsten beim Großvater gewesen war.