Es waren verschiedene Versuche gemacht worden, ein Kränzchen, ein Kurs im Englischen mit den Honoratiorentöchtern, weil die Großmutter es wünschte. Aber Gertrud war dort nicht ganz sie selbst, ihr eigenes fröhliches Ich. Sie wußte nicht recht mitzureden und wußte, was sie selber hatte, nicht anzubringen. Seit die Großmutter so anhaltend krank war, blieb sie zu Hause. Es war ihr lieber so.
Sie hatte auch Freunde.
Eine Kamerädin aus der Volksschule, ein kluges, feines, lahmes Mädchen, das einer Witwe gehörte und so gut es ging, ums Brot nähte. Dort wußte sie sich aufzutun. Dem Mädchen ging ein helles Freudenlicht auf, wenn Gertrud kam und sich zu ihr setzte. Und sie nahm ihr das Wort aus dem Munde. Sie hatte solch einen hungrigen Geist. Und weil der Acker ihrer Seele so sehnlich wartete und so aufgerissen war vom Entbehren und Verlangen, so fielen die Körner, die Gertrud aus ihrem Überfluß hinwarf, tief hinein und gingen an den langen, einsamen Tagen auf und gaben eine reiche Ernte. Feine, sinnige, tiefe Gedanken und eine stille, stolze Freude, am Sein und Leben teilzuhaben, und ein Verständnis für die Menschen in den Büchern, die sie zu lesen bekam: ob sie echt und lebendig seien oder nicht. Es kam hundertmal wieder herein, was Gertrud dort hintrug. Das war eine Freundschaft. Es gab deren mehrere.
Den uralten Totengräber Heilemann, der so wunderbare Geschichten aus der Franzosenzeit wußte, und die junge, lustige Frau Liselotte, die einst Magd bei der Großmutter und ihr Patenkind gewesen war. Sie hatte einen Fabriknachtwächter und Flickschuster geheiratet und ihr kleiner, dickköpfiger Bube war Gertruds Patenkind. Und die Spinnricke, die ums Geld spann und die mit tiefer Stimme erzählte, daß sie „schon wieder einen Blick ins Jenseits“ getan habe. Es war nichts, das Gertrud in ihrem jungen Leben vermißte. Aber Georg war ihr Kamerad. Das war doch wieder anders.
**
*
Seinen Platz an dem breiten, geräumigen Ecktisch in der Ladenstube des Ehrenspergerhauses nahm Georg wieder ein; aber auch seinen Platz auf der niedrigen Truhe in des Rektors Studierstube. An beiden Orten holte er sich, was da für ihn zu holen war.
Jungfer Liese, die sich allmählich angewöhnt hatte, die Ellbogen breit auf den Tisch zu legen und sich kecklich ganz auf den Stuhl zu setzen, tat ein Übriges und fütterte an dem langen, mageren Menschen herum; und faßte eines Tages ein Herz und fragte, was denn aus dem vielen Geld geworden sei, das der Herr Vetter immer bezahlt habe, da der Sohn nach Hause komme, dürr, wie eine von Pharaos Kühen? Er solle Franz ansehen, das sei noch ein junger Mensch, wie man ihn könne gelten lassen.
Franz war vor kurzem aus der Fremde zurückgekommen, wo er sich in Zeit von einem knappen Jahr einige Welt- und Lebenserfahrung, einen schön geschwungenen Schnurrbart und einige neue Backrezepte angeeignet hatte.
Er nahm je länger je mehr die Leitung des Geschäfts in die Hand und ließ nicht undeutlich vermerken, daß er nicht zu denen gehöre, die mit irgend einer Lebensfunktion allzu lange warten. Und Jungfer Liese nickte und blinzelte Franz dem Älteren zu: „Kehr’ die Hand um — bringt er eine junge Frau herein. Ja, dann? Dann ziehen wir in den Oberstock. Ich verlasse den Herrn Vetter nicht; das tue ich nicht.“
Da konnte ja denn der Herr Vetter unbesorgt sein, und das war er auch. Er konnte sich’s jetzt leicht machen. Da saß er Abend für Abend mit dem Müller Hensler im Schwarzen Adler bei einem gediegenen Schoppen Roten, und sie kamen darauf zu reden, was für Prachtsbursche sie in ihrer Jugend gewesen seien, und kamen zu guter Bürgerzeit wieder nach Hause, ein klein wenig warm vom Prahlen und vom Wein. Da kam über den Markt, von der andern Seite her „der Student,“ wie ihn der Müller Hensler jetzt schon nannte, und sie stichelten ihn ein wenig: „Da sieh’ uns an; jünger als du sind wir heute noch.“ Und der Bäcker Ehrensperger sagte: „Nein, laß ihn, die Studierten, die sind alle so ein bißchen dösig. Das kommt vom Bücherlesen.“ Und das Mitleid faßte ihn, daß sein einer Sohn so still und ernst sei, und er selber war solch ein forscher Kerl gewesen: „Jetzt sag, Bub, hast du einen Wunsch? Ich zahl’s, was es kostet.“