Sie redete heut nicht viel dazwischen. Das Herz brannte ihr. Sie sah nach ihrem Kameraden hin. Der ging nun wieder einmal neue, weite Wege; er freute sich darauf. Er sagte ihr von allem, was ihn bewegte. Aber was konnte das helfen?

Selbst erleben, das war doch anders. Und sie öffnete durstig die Lippen. Das galt dem Leben, das draußen war in der Weite. Dort zog es hin, wie Wolken am Himmel. Würde es wohl Gertrud Cabisius vergessen, die hier zurückblieb? „Ach, Unsinn,“ sagte sie laut und verweigerte die Antwort auf die erstaunte Frage der drei andern, welchen Unsinn sie meine. Dann glitt sie von dem Stuhl herunter und brachte die Lampe und schüttelte sich innerlich; das sollte ihr noch fehlen, graue Dämmergespinste zu spinnen.

Fünftes Kapitel

Tübingen. Die Neckargasse herauf schritt der neugebackene Student Georg Ehrensperger. Er sah sich suchend um, rechts und links, und fand auch nach einiger Zeit, was er gesucht hatte: ein Schaufenster mit Damenhüten, Schleifen und Schleiern.

Da trat er in den Laden ein, zu dem das Schaufenster gehörte, und konnte nicht im Zweifel sein, daß er am rechten Orte sei. Denn hinter dem Ladentisch stand die Putzmacherin Maute, und sah noch immer so schwungvoll aus wie ehedem, halb elegant und halb schlappig. Und als sie sich — sie bediente eben eine junge Frau und warf nicht schlecht mit „Madam“ um sich — umwandte, um eine Schachtel von einem der oberen Bretter herabzuholen, da sah Georg ja richtig das rotblonde Zöpfchen, das ihm von Kindertagen her bekannt war, unter der Morgenhaube vorgucken. Es war am Vormittag. Das Zöpfchen wippte lustig hin und her. Es hätte den letzten Zweifel aufgelöst, wenn da noch einer gewesen wäre. Es war aber keiner.

„Guten Morgen,“ sagte Georg. Er hatte den weichen, schwarzen Filzhut in der Hand und den dunklen Anzug über der Brust zugeknöpft und sah nicht anders aus als ein Stiftler, obgleich er keiner war. Die alten Genossen aus der Wiblinger Lateinschule, die waren nun glücklich an der letzten Station ihres gemeinsamen Werdegangs angelangt und saßen im theologischen Stift, gut umzäunt und verwahrt vor den Versuchungen der akademischen Freiheit.

Fritz Hornstein, der einst so vorbildlich Voranschreitende, saß auch darin und sehnte sich ein wenig hinaus, und mit ihm noch mehrere, die sich wohl getraut hätten, auf eigenen Füßen zu stehen und denen der Gedanke an irgend eine Enge schwerer fiel, als die Enge selbst, die so groß nicht war.

Georg Ehrensperger aber, der in aller Freiheit lebte, der sehnte sich eher hinein. Denn er hatte sich selbst — und das war nicht ohne Grund — im Verdacht, daß er, auf sich selbst gestellt, an dem und jenem hängen bliebe, das nicht zur Sache gehörte. Auch zog ihn eine alte Liebe zu den Genossen seiner Kindheit.

Einstweilen galt es, sich einrichten. Die ersten vier Wochen gingen hin, eh’ man sich’s versah.

Ernst Daxer, der war auch im Stift. Aus besonderer Vergünstigung war er hineingekommen. Der hatte ihn gestern zu einem Spaziergang abgeholt. Nachher waren sie in der Müllerei gesessen, der Wirtschaft am Neckarufer. Zwei ältere Studenten saßen am selben Tisch mit ihnen. „Aufs Wohlsein der Lore,“ hatten sie gesagt und angestoßen. Das mußte ja natürlich eine andere Lore sein, als die, die er meinte. Er hätte sich auch nicht zu fragen getraut. Aber nun wußte er wieder, daß er das Kind aufsuchen solle, das noch vor seinen Augen stand, fein, zierlich und von schönen Farben, wie ein Bildchen aus dem Bilderbuch seiner Kindheit.