Frau Maute ließ die Kundin hinaus und wandte sich zu dem jungen Mann. Da ging hinter ihr die Tür, die nach der Ladenstube führte. Ein heller Lichtschein fiel von dem Fenster, das dort drinnen war, hier heraus, und in dem Lichtschein stand Lore. Und Georg sah an der schwunghaften Frau vorbei, als ob sie nicht vorhanden sei. Das war Lore?
Nun war die Zeit gekommen, von der die Wiblinger Kinder beim Auseinandergehen geredet hatten: daß sie einander grüßen wollten, als ob nur eine einzige Nacht zwischen jenem Abend und diesem Morgen läge.
Aber welch ein Morgen war das. Stand hier Jugend und Schönheit und lachendes Leben in einer Person und bot ihm den funkelnden Becher der Freude? Er erschrak so, daß er kein Wort fand. Lore lachte, ein klingendes Lachen. Es war nicht das erste Mal, daß sie in eines Menschen Angesicht das Staunen las: daß es so Schönes geben konnte, hier in dieser niedrigen Stube, in dieser engen Gasse.
Das Lachen erlöste ihn. Er fand etwas von dem Kind darin, das er einmal gekannt hatte. Es war noch etwas anderes darin, aber das hörte er jetzt nicht. „Grüß Gott,“ sagte er nochmals.
„Du bist — du hast dich“ — er verbesserte sich — „Sie haben sich“ da stockte er. Er hatte sagen wollen, daß sie sich verändert habe. Da lachte Lore nochmals. „Das ist noch ganz derselbe,“ sagte sie, „ganz derselbe. Hab ich mir’s nicht so gedacht? Aber natürlich sagen wir noch du. Grüß Gott, Georg.“
Da atmete er befreit auf und faßte ihre feine Hand und schüttelte sie, daß Lore einen leisen Wehlaut ausstieß.
„Feiner bist du nicht geworden,“ sagte sie und lachte. „Aber das tut nichts, das kommt noch alles. Wo solltest du das lernen? Komm da herein, du mußt mir erzählen, so lang und so viel, als Frau Judith auf dem Turm.“
Da ging sie ihm voran in die kleine Stube mit dem geblümten Sofa und zog ihn mit sich hinein. Frau Maute hatte wieder einen Kunden im Laden und nickte nur hinter den beiden drein. Da waren sie allein. Draußen, unter den Fenstern, zog der Neckar vorbei, nur durch ein schmales, steil abfallendes Gärtchen von ihnen getrennt. Rot und golden glänzten die Kronen der Ulmen und Platanen von den Alleen herüber; die Sonne stand am blauen Oktoberhimmel und leuchtete durch die bunten Farben der herbstlichen Welt und glitzerte auf den ziehenden Wellen, und füllte die kleine Stube mit Licht. Und in dem Licht saß Lore.
Georg Ehrensperger, der saß und staunte und fand das Wort nicht.
„Ich soll dich grüßen,“ sagte er, „von Gertrud und von Franz, und von Rektors, beiden.“ Aber seine Augen sagten etwas anderes.