„Wie bist du schön,“ sagten sie, „bist du das wirklich?“

Die Sonne lag auf dem krausen, rotblonden Haar und ging streichelnd an der jungen, schlanken Gestalt hinunter, die von einem großen Meister so herrlich gebaut war. Sie mühte sich, auch in das Gesicht zu scheinen. Aber da wandte sich Lore kurz um, ganz nach der Stube zu. Sie brauchte die Sonne nicht im Gesicht, zwei funkelnde, dunkle Sterne hatte sie darin, die flimmerten und schossen lange Strahlen. Übermütig und sieghaft und ein wenig kindlich fragten sie: „Gelt, das hättest du nicht gedacht? Ja, sieh nur her und staune. Das geht dir nicht allein so.“

Aber als die beiden einander eine Weile angesehen hatten und Georg nun ein wenig hilflos dasaß, da fing Lore an zu lachen und sprang auf und fragte nach hunderterlei Dingen und holte die alten Zeiten hervor; da wurde auch er mit fortgerissen. Und dann trat sie plötzlich wieder in die Gegenwart ein; da wußte sie noch besser Bescheid als in der Vergangenheit.

„Das muß fein werden,“ sagte sie. „Wo wohnst du? du mußt oft kommen, wir sind doch alte Freunde. Wir haben auch Studenten, oben im ersten Stock. Die bringen oft ihre Freunde mit sich. Lebhaft geht es da zu.“

Sie ging ans Fenster und sah auf die Neckarbrücke hinunter und wandte sich wieder um und lachte. Und dann horchte sie mit etwas vorgeneigtem Kopf nach der Ladentür hin. Dort klingelte es. Die Mutter ließ jemand hinaus, und gleich darauf wurde eine Männerstimme hörbar. „Fräulein Lore drin?“, und dann trat ein junger Mann ins Zimmer. Er trug die Farben eines vornehmen Korps, war hoch und breit gewachsen und hatte ein kluges, scharfes, herrisches Gesicht. Sein Hund kam hinter ihm drein, eine hohe, gelbe Dogge. Sie ließ sich zu Lores Füßen nieder und stieß einen winselnden Laut aus. Über Lores Gesicht flog ein feines Rot, als der Ankömmling einen großen Blick auf sie und dann einen auf Georg warf.

„Das ist ein Kindheitsgespiele von mir,“ sagte sie, und bemühte sich, leichthin zu reden. „Wir haben miteinander Kirschen von den Bäumen gebrochen, und haben miteinander Märchen erzählt bekommen. Heut’ seh’n wir uns zum erstenmal wieder. Das ist jetzt acht Jahre her. Nun staunt er, daß ich gewachsen sei.“

Aber sie sprach nicht so sicher und harmlos, wie zuvor. Die Augen des Neuangekommenen lagen auf ihr, das machte es wohl.

Der sagte nicht viel.

Als Lore ihren Gast vorstellte, grüßte er gemessen. Dann nahm er einen Schlüssel, der am Haken neben der Tür hing. „Ich habe den meinigen verloren,“ sagte er, „Sie wollen, bitte, einen neuen bestellen. Und dann, gestern Abend fiel das Tintenfaß auf die Tischdecke. Sie ist unbrauchbar geworden. Die neue geht auf meine Rechnung. Komm, Harras.“

Die Dogge erhob sich zögernd. Sie schien es anders gewöhnt zu sein. Da tat ihr Herr einen kurzen Pfiff. Lore warf den Kopf zurück. „Geh,“ sagte sie, und gab dem Hund einen leisen Schlag. Darauf verschwanden beide, der Herr und der Hund, in dem halbdunkeln Flur, und Georg hörte sie die Treppe emporsteigen.