Als er sich nach Lore umsah, war das sieghafte Lachen von ihrem Gesichte verschwunden. Sie stand am Fenster und biß sich auf die Unterlippe. Aber nur einen Augenblick. Dann schnipste sie mit den Fingern. „Komm, wir wollen weiter plaudern; er soll uns nicht drausbringen.“ Aber sie war nicht mehr recht dabei. Georg war auch gestört. „Was ist das für ein Mensch?“ fragte er. „Er scheint kurz angebunden. So ein Herrscher. Ist er immer so?“
„Nein,“ sagte Lore, „er ist nicht immer so.“ Ein verhaltenes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Es ist unser Mieter. Er hat das beste Zimmer und bezahlt es gut.“ Und dann sah sie ihn an und dachte: „Du Kind. Du bist noch ein rechter Junge. Aber ein lieber, guter.“ Und auf ihrem Gesicht gingen Rührung und Spott durcheinander.
Dann kam Frau Maute und entfaltete einen großen Wortreichtum und sagte, daß Georg sich hier fühlen solle wie zu Hause. „Wie zu Hause,“ sagte sie, und sah ihn mütterlich an und nickte ihm ermutigend zu: „Ja, nicht wahr, die Lore? Was sagen Sie zu ihr? Aber das hat sie nicht gestohlen. Ich, als ich jung war.“ „Mutter,“ sagte Lore, und trat mit dem Fuß auf, „draußen ist jemand.“
Da entschwand sie, ohne den Satz zu Ende gesagt zu haben.
Es war eine starke Mischung von angenehmen und unangenehmen Gefühlen, mit denen Georg eine Weile später aus dem Hause trat. Aber die angenehmen überwogen bald.
Wenn das Gertrud wüßte. Wenn sie es sehen könnte. Unmöglich, die Lore zu beschreiben. Schön, er hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, und lieb und natürlich. Hie und da ein bißchen, — wie sollte man’s nennen? Er beschloß, es gar nicht zu nennen, das, was ihm nicht so recht gefiel. Er wußte kein Wort dafür.
„Das ist von der Mutter,“ entschied er. „Solch eine Erziehung, ich danke. Das hätte wahrhaftig schlimmer ausfallen können.“ Er konnte ihr vielleicht auch manches abgewöhnen, wenn sie nun öfters seinen Umgang genoß. So, abgewöhnen? Ja. Er richtete sich hoch auf, als seine Gedanken das fragten. Hatte sie nicht beim Abschied, noch unter der Haustür, gesagt: „Ach, Georg, ich bin anders als Gertrud, ganz anders. Ich glaube, es wäre einiges zu bessern an mir. Du mußt oft kommen. Wir wollen wieder gute Freunde sein. Weißt du noch? Das haben wir damals ausgemacht, im Rektorgarten unter dem Süßapfelbaum.“
Und dazu hatte sie ihn angesehen; es hatte ihn noch nie ein Mensch so angesehen. Georg versuchte sich den Blick vorzustellen, da durchströmte es ihn, warm und lebendig. Ja, also, so sollte es werden: er wollte, — ach, was wollte er alles. Es war ihm so väterlich zu Mute, als ob er der Rektor Cabisius sei; das meinte er selbst.
Er meinte es sehr gut mit Lore, und mit sich selbst, und mit der ganzen Welt. Als er sich dessen versichert hatte, trat er einem alten Herrn, der um eine Ecke bog, wuchtig auf den Fuß, und erschrak so sehr, daß er vergaß, sich zu entschuldigen. Der alte Herr murmelte etwas Ärgerliches vor sich hin, schüttelte den Kopf, und hinkte ein wenig im Weitergehen. Georg kraute sich verlegen im Haar, und drehte sich, als er ihm eine Weile nachgesehen hatte, um, und stieg zu seiner Behausung empor.
**
*