Ob es Schicksal oder Neigung war, oder beides: Nun hatte er sich richtig wieder eine Stube in einer engen, winkeligen, alten Gasse gemietet. Er wußte nicht recht zu sagen, wie er dazu gekommen war. Er hatte einen Zettel heraushängen sehen: Zimmer, mit oder ohne Klavier, zu vermieten; auf der Hausstaffel waren zwei rotbackige Kinder gesessen; am Röhrenbrunnen, der vor dem Haus stand und sein Wasser plätschernd in einen Steintrog fallen ließ, war eine frische junge Frau gestanden und hatte sich mit einer raschen, kräftigen Bewegung das volle Wassergefäß auf den Kopf gehoben.
Die Kinder hatten sich ihr links und rechts an die Rockfalten gehängt, als sie ins Haus zurückging. Da war Georg hintendrein gegangen, er wußte nicht recht, warum. Die liebe, kleine Gruppe zog ihn hinter sich drein.
Es war ein Handwerkerhaus. Hinten vom Hof herein scholl eine wackere, arbeitsame Musik: schwere Hämmer, die auf Eichenholz niederfielen, lustige Schlegel, die raschen Taktes auf klingenden Eisenreifen tanzten. Ein Feuerschein flammte hoch auf und erhellte einen Augenblick den schmalen, halbdunklen Hausgang. Draußen schritten ein paar handfeste Gesellen hinter einander drein um ein großes Faß herum, um das sie eben die Reifen legten. Ein Lehrjunge trug eine Schürze voll Hobelspäne herbei und warf sie in das Feuer, das inmitten des werdenden Fasses brannte; es knisterte und stieg kerzengerade in die Höhe.
Georg trat unter die schmale Tür, die nach dem Hofe führte. „Romdibom, der Küfer kommt.“ Ein Kinderreimlein fiel ihm ein, das so anfing. Sie hatten es in Wiblingen oft genug gesungen. Er hatte nicht übel Lust, sogleich damit loszulegen, denn das Bild im Hofe heimelte ihn stark an.
Da kam der Meister aus der Werkstatt in den Hof und auf ihn zu. Ein breiter, hochgewachsener, kräftiger Mann; er hatte die Hemdärmel an den sehnigen Armen hinaufgeschlagen bis über die Ellbogen; im Gurt der blauen Leinwandschürze steckte der eiserne Schlegel, die Mütze saß weit hinten auf dem dunklen, schlichten Haar; ein ernstes, bärtiges Männergesicht sah darunter hervor. Es war eins von den Gesichtern, deren Inhaber man ohne weiteres Geld und guten Namen zur Aufbewahrung anvertrauen würde, gewiß, daß man seinerzeit beides unverkürzt zurück bekäme.
Geradlinig, fest und sicher, und in den Augen etwas, als ob sie mit Kindern fröhlich zu lachen verständen.
Daß das letztere der Fall war, zeigte sich auch sogleich.
Als der Meister auf Georgs Frage, ob bei ihm das betreffende Zimmer zu vermieten sei, mit ihm ins Haus trat, kam aus der Küchentür, hinter der sie vorhin verschwunden war, die junge Frau wieder in den Hausgang, diesmal ein einjähriges Bürschlein auf dem Arm.
Das Kind schien eben erst aus dem Schlaf gekommen zu sein und blinzelte, das Köpfchen gegen die Wange der Mutter lehnend, mit aufwachenden blauen Augen aus dem rosig angeschlafenen Gesichtlein heraus.
„Komm’,“ sagte der Vater und streckte die Arme nach dem kleinen Buben. „Mutter, du solltest dem Herrn das Zimmer zeigen, laß’ mir den Helmle so lang.“