Da hatte er auch schon den kleinen Buben auf dem Arm, und als er ihn emporhob und das Kinderköpfchen an seine bärtige Wange drückte, da brach ein so leuchtender Strahl aus seinen blauen Augen, daß der ganze Mann übersonnt schien.
Und dem „Herrn, der das Zimmer sehen wollte“, war es so, als ob es jedenfalls ein ganz vortreffliches Zimmer sein müsse, das in diesem Haus zu vermieten sei, obgleich er vorher an Neckaraussicht und grüne Wipfel vor den Fenstern gedacht hatte. Daran, am Blick ins Grüne nämlich, fehlte es auch nicht ganz. Die Frau wies mit bescheidenem Stolz auf ein winziges, höchst anspruchsloses Gärtchen, das zwischen Hof, Werkstatt und Nachbarhaus eingeklemmt war und aus einer Bohnenlaube, zwei Beeten mit Küchenkräutern, einer Blumenrabatte, ungefähr zwei Hand breit, und einem alten, hohen, knorrigen Zwetschgenbaum bestand.
Auf dieses Gärtchen gingen die Fenster des Zimmers, das im zweiten Stock lag. Außerdem sah man ein Stück des Hofes mit drei kunstreich gebauten Türmen aus Faßdauben, die Rückseite mehrerer Häuser, eins davon mit einer braunen, verwitterten Holzaltane, ein Stück Stadtkirchenturm, und ein nicht unbeträchtliches Stück blauen Herbsthimmels.
„Die Aussicht hat dem vorigen Herrn gut gefallen und das Zimmer auch,“ sagte die Frau. „Er war auch ein Theologe, und er hat immer gesagt, so sei’s ihm gerade recht: Wenn man nicht so weit herumsehe, bleiben einem die Gedanken näher beieinander zum Studieren.“
Es kam Georg vor, als ob „der vorige Herr“ ein äußerst vernünftiger Mensch gewesen sei. Das war ja freilich die einzig richtige Anschauung. Was ihn selbst betraf, so konnte er froh sein, gerade hierher gekommen zu sein. Das war nun das erste Zimmer, das er ansah und nun stimmte gleich alles so vorzüglich. Er hatte hier in Tübingen Glück, das konnte er gleich zum Anfang sehen. Das Zimmer gefiel ihm, er mochte hinsehen, wo er wollte. Aber das hatte er eigentlich schon unten gewußt.
„Wenn Sie das Klavier geniert,“ sagte die Frau, als sie sah, daß Georgs Augen an dem großen, alten Tafelklavier hängen blieben, „es nimmt ein bißchen viel Platz weg, es ist wahr. Man kann’s im Notfall in eine Kammer stellen. Der vorige Herr hat immer seine Bücher darauf liegen gehabt, und, er hat seltene Pflanzen gesammelt, die hat er auch darauf ausgebreitet. ‚Lassen Sie’s nur,‘ hat er gesagt, ‚so lang der Deckel zu ist, stört mich kein Klavier.‘ Und der Deckel bleibt zu, solang ich hier hause.“
Georg fühlte, wie die Sympathie, die ihn mit dem vorigen Herrn einen Augenblick verbunden hatte, wieder entschwand. Er fand nicht gleich Worte. Was gab es doch für Menschen auf der Welt. Er strich mit der Hand über den Deckel des Klaviers; es war wie eine Abbitte, die er im Namen der Menschheit tat.
„Wir hatten’s bei uns unten stehen,“ sagte die Frau. „Aber seit ein Kinderbettchen ums andere kommt, fehlt’s am Platz. Es ist von meinem Schwiegervater her noch da. Der war blind, zwanzig Jahr lang und ist auch blind gestorben. Aber spielen hat er können; alle Leut sind stehen geblieben auf der Gasse, wenn er gespielt hat.“
Jetzt kam der neue Herr auch zur Sprache. Sie kam ein bißchen schroff heraus; das machte die Wichtigkeit des Augenblicks und die innere Erregung.
„Bei mir liegt nichts auf dem Deckel,“ sagte er. „Ich kann nicht begreifen, wie man das einem Klavier antun kann. Ich mache Musik darauf; dazu ist es doch wohl auf der Welt. Wenn Sie das nicht wollen, so sagen Sie’s mir gleich. Dann ziehe ich anderswo hin.“