Aber so war es nicht gemeint gewesen.

Nein, behüte, der Herr könne ruhig spielen, so viel er wolle. Das werde den Mann freuen, wenn er es erfahre. Wenn er hie und da ein Fenster offen lassen wolle, daß man es unten höre.

Es ging eine stolze Freude über ihr frisches, offenes Gesicht: „mein Mann, der macht auch Musik. Er hat eine Geige. Er hat einmal Schulmeister werden wollen. Da ist sein Vater blind geworden und er hat das Geschäft übernehmen müssen. Eine Stimme hat er, man könnt’ ihn auf die Orgel brauchen zum Vorsingen. Mit der Geige will’s nicht recht. Er hat schwere Hände bekommen von der Arbeit. Aber wenn er dazu singt, dann tut’s doch schön.“

Diese Mitteilung hatte gerade noch gefehlt um in Georg Ehrensperger das Bewußtsein zu erwecken, er sei in das einzig richtige und mögliche Haus eingezogen; ja, es war ihm, als habe er sich gewissermaßen in einen Familienschoß gesetzt, so wohl gefielen ihm die Leute und ihr Haus und die Stube, die sie ihm darin abtraten; aber der Mann am meisten.

Und als die Frau hinunterging, um das Helmle wieder aus den väterlichen Armen zu nehmen und dem Mann zu erzählen, daß man wieder einen Herrn habe und was für einen, da verriegelte dieser Herr oben seine Tür, und tat einen Blick aus dem Fenster, ob ihm auch niemand zusehe, und machte einen Spaziergang, zweimal um den Tisch herum, auf den Händen, und streckte seine langen Beine hoch in die Luft vor Vergnügen.

Sechstes Kapitel

Das war im Herbst geschehen, jetzt war Frühling. — Eine weiche, laue Nacht, eine Nacht, in der man deutlich wahrnehmen konnte, wie sich die erwachenden Kräfte in der Natur regten. Es wehte in den Bäumen, es rieselte in den schmalen Rinnsalen, die sich von der Höhe des waldigen Berges in die Weinberge und Obstgärten verloren, von frischen Wässerlein, die zu Tale strebten, es raschelte und pochte überall leise und geheimnisvoll. War es der Pulsschlag der neuerwachten Erde? Hörte man den Saft in die Bäume steigen? Hörte man die Knospen schwellen und springen?

Unten im Tale lag die Stadt im Schein ihrer vielen Lichter. Viel Leben barg sie und viel Menschenschicksal. Hier oben auf dem Berg sah man beides: die Lichter unten und die Lichter oben, die schweigend ihre hohen leuchtenden Pfade hinzogen.

Georg Ehrensperger trat aus dem Wald, da wo am Eingang die alte, rissige Eiche steht mit den vielen eingeschnittenen Namen. Er hatte einen weiten, einsamen Spaziergang gemacht, nun stand er still, legte die Mütze auf die Steinbank unter der Eiche und sah hinauf und hinunter.

Das Wehen in den Bäumen war stärker geworden. Große, schweigende Wolkengebilde glitten über die Sterne hin; immer mehr wurden ihrer, von allen Seiten sammelten sie sich und wurden ein Heer. Westwind flog voraus; er war der Rufer und trieb sie zusammen: „Auf und schließt euch aneinander. Die Milchstraße entlang, nein, breiter und weiter dehnt euch. Um Mitternacht fängt es an zu regnen. Wißt ihr nicht, daß Frühling ist? Wißt ihr nicht, daß die Erde blühen will? Viel ist zu tun; in wenigen Tagen muß alles weiß und grün sein.“