Es war so recht eine Nacht, da es sich in einem jungen Blut regen konnte von treibenden, frischen Kräften: „Auf die Riegel! Ich fange an, jung zu werden, ich fange an zu erwachen, Frau Welt! Alles Große und Schöne gedenke ich mitzuerleben.“
Es geschah nicht oft zu dieser Zeit, daß Georg Ehrensperger allein die Welt durchstreifte. Er drückte damals seine Neigung zu beschaulicher Träumerei und einsamem Wandel in eine Ecke seines Wesens hinunter. Dort spuckte sie zuweilen umher; wenn er über den Büchern saß in seiner Stube, die bei ihm trotz der schmalen Aussicht die Gedanken nicht zusammenhielt, oder noch mehr, wenn er am Klavier saß, das ein besseres war, als das der Frau Mollenkopf. Dann hatte er eine Welt für sich, in der er mit sich selber hauste, oder mit denen, die er in Gedanken zu sich einlud. Das war ein schönes Dabeisein. Aber es dauerte nie lange. Denn die wirkliche Welt griff da hinein. Unten auf der Straße pfiff es, oder es polterte die Treppe herauf, und junge, kräftige Gestalten traten zu ihm ins Zimmer. So war es gestern gewesen.
„Da sitzt er wieder, wie der Dachs im Bau. Auf und heraus. Eine Nacht zum Ausfliegen. Musik machen, das kannst du im Waldhörnle, wir wollen singen und du begleitest. Mach dich nützlich, Mensch. Was? dableiben? du bist ein Höhlenbär.“
Das waren die Bundesbrüder. Er war ja nun richtig in eine Verbindung eingetreten. Und es war richtig die des Rektors Cabisius. Die Jugend wollte ihr Teil an ihm.
Aber heute war heut. Es konnte ihn suchen, wer wollte, Georg streifte da oben herum und hatte mit sich selbst zu tun. Er war nicht recht bei sich selbst zu Hause und, — da hatte der Rektor Cabisius recht gehabt, — wenn er das nicht war, konnte er nicht mit den andern gehen. Er hatte nicht die Gabe, sich über etwas hinwegzusetzen.
Da war erstens die Theologie, die anfing, ihn böslich zu bedrücken. Er fühlte, daß sie etwas von ihm wollte und daß er sich einmal mit ihr auseinander zu setzen habe. Und er empfand ein Unbehagen dabei. Wie würde es damit ausfallen? Indessen konnte man das immer noch ein wenig verschieben und inzwischen etwas anderes in den Vordergrund stellen. Vielleicht machte es sich dann irgendwie. Ader da stand noch etwas anderes bereits im Vordergrund und ließ sich nur schwer von da vertreiben. Das hing mit Lore zusammen. Es ging schon längst nicht mehr so väterlich zu in seinem Gefühls- und Gedankenhaushalt, wie im Herbst. Es war nicht ohne Bedeutung gewesen, daß er dazumal den alten Herrn auf den Fuß getreten hatte, gerade als er in Gedanken Lorens nachträgliche Erziehung in die Hand nahm. Er konnte sich das Nachdenken darüber schenken. Es wurde ja doch nichts daraus. In einiger Hinsicht erzog sie ihn. Das konnte ja nichts schaden. Aber wenn er den Stiel umkehren wollte, erging es ihm mißlich.
Er war eines Tages bei ihr angekommen, etwas bedrückt und unsicher, und hatte ihr auf Befragen gesagt, daß er an der Tanzstunde der Verbindung teilnehmen sollte und daß es ihm ängstlich sei, ob er so ein Mädchen richtig anzufassen wisse. Da hatte sie seine Bedenken weggelacht: „Komm, ich lehre dich, wie du’s machen mußt.“ Sie hatten den Tisch auf die Seite gerückt und hatten in der Ladenstube getanzt, bis sie außer Atem waren.
Da war er etwas sicherer geworden.
Manchmal, wenn sie ihm gegenüber saß an dem Fenster, das nach dem Neckar ging, und irgend etwas Zierliches nähte, stand sie plötzlich auf und hatte einen hausmütterlich-gestrengen Zug im Gesicht, holte eine Bürste und bürstete ihm die Kleider: „Du siehst auch gar nicht auf dich, Georg. Du mußt dich immer im Spiegel besehen, eh’ du ausgehst. Hier ist auch ein Knopf locker, den muß ich dir annähen, komm.“
Solchergestalt übte sie schwesterlich-frauenhafte Zucht an seinem äußeren Menschen.