Da gedachte auch er das seinige an ihr zu tun, und versuchte, ihren Geist zu speisen, und wollte es machen, wie mit Gertrud, der er alles bringen konnte, seine Bücher, seine Musik, und seine Gedanken. Und er brachte eines schönen Nachmittags die Edda mit und wollte ihr die alten, schönen Sagen und Lieder vorlesen. Da hielt sie sich die Ohren zu: „Liebster Georg, das ist nichts für mich. Mit so etwas mußt du mich verschonen. Ich bin ein kleines, dummes Ding, das bin ich immer gewesen.“

Er wollte sich ärgern, aber es gelang nicht so recht. Sie sah ihn so an, daß er es nicht konnte.

„So, jetzt gefällst du mir,“ sagte sie, als sie sah, daß Georg sein Gesicht wieder glättete, das einen Augenblick verdrießlich ausgesehen hatte. Sie strich ihm mit dem Zeigfinger über die Stirn. Dort war zuweilen eine kurze, gerade Falte, mitten zwischen den Brauen, zu sehen. Das war, wenn er gern ein wenig pädagogisch sein wollte. Da mußte er lachen, als sie ihm die Falte glättete. Wie konnte sie etwas anderes sein, als sie nun eben war? Sie war etwas sehr Reizendes, konnte er sie nicht in Ruhe lassen? Da hatte das Bildungsbestreben wieder ein Ende.

Aber das war noch nicht schlimm. Schlimm war, daß ihre Stimmung gegen ihn umsprang, wie bei Mondwechsel das Wetter umspringt.

Oft war sie lieb und freundlich, und saß, wenn es dämmern wollte, auf dem breiten Fenstersims, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sang ein Volksliedchen, mit halber Stimme, als ob sie die traulichen Geister der Dämmerung nicht verscheuchen wollte. Da kam es ihm, der ihr zuhörte, vor, als ob es nichts so unsäglich liebliches mehr gebe, nirgends und niemals wieder.

Und hie und da war sie kurz und etwas schnippisch, und hie und da sonderbar aufgeregt.

„Sie ist in zu vielerlei Händen,“ entschied er, „und nicht in den allerbesten. Ich sollte sie allein zu beeinflussen haben.“

Wie ein feiner Erzieher kam er sich vor. Er konnte es sich schön ausmalen, wie es wäre — wenn es anders wäre. Es kam nur nichts dabei heraus, als daß er viel zu viel an sie dachte und viel zu oft hinging und viel zu unruhig dabei war.

Oft faßte es ihn: wenn ich das alles Gertrud erzählen könnte! Sie war so fest und gleichmäßig und klar. Aber das konnte er jetzt nicht. Wenn er heimkam, dann.

Da hatte er es nun alles hier heraufgetragen. Es wurde einem frei und weit zu Mute in dem starken, frischen Wehen. Es war ja doch viel mehr in der Welt, das des Erlebens wert war, als das: sich in einem so unruhigen, krausen Mädchensinn zurechtzufinden.