Er sang ein Lied in den Wind hinein: „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd; ins Feld, in die Freiheit gezogen.“ Und dann wurde er plötzlich still und horchte.

Wie hatte ihm der alte Hollermann schreiben lassen?

„Wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und horchen.“ Sang da irgendwo sein Flötenton?: „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“ War ringsum alles mit einer Stimme begabt?

Das mußte man ja alles in Tönen sagen können: Das eigene, klopfende, drängende Leben floß mit dem Leben ringsumher zusammen. Saß da innen, tief im Wald der große Alte an der Orgel und spielte sie? Er zog ein Register ums andere; breite, volle, tiefe Akkorde strömten über die Baumwipfel hin. Man mußte sie festhalten können; horch — die Wässerlein sangen dazu, wie dünne, helle Kinderstimmen rieselten sie durch die großen Töne hindurch, und hie und da lachte eins plätschernd auf. Und eins schluchzte auch im Niederfallen. Das mußte so allein in die Nacht und in die Fremde hinaus.

„Das muß ich auch, du.“ Georg blieb stehen und horchte, hinaus und in sich hinein. Hätte er Meister Riedels, seines Hauswirts, Geige bei sich gehabt. Mit der hatte er sich im Lauf des Winters angefreundet, mit ihr und mit dem Meister. Nun sehnte er sich, sie im Arm zu haben. Das konnte man alles spielen. Alle die unruhigen, klopfenden Untertöne, die durch ihn selbst hindurchgingen und die er auch außer sich zu vernehmen glaubte, alles das kleine Lachen und Plätschern und Schluchzen, alles das Schweigen, das über dem Tal lag und aus dem doch hie und da ein Ton hervorbrach, wie von einer verhaltenen Unruhe, alles das mußte man spielen können, um es dann in der großen, breiten Harmonie untergehen zu lassen, die aus der Waldorgel strömte. Wie die tausend kleinen Wolken am Himmel nun ein großer, schweigender Heereszug geworden waren, ohne Unruhe und Hast, großen, gemeinsamen Lebens voll.

Da nahm er die Mütze in die Hand und fing an zu laufen. Und stand wieder still, und horchte, und sann, und fing wieder an zu laufen, bis er an die Stadt kam.

Dort war noch Leben und Bewegung; es war noch nicht so spät. Dort oben war es still gewesen.

Er aber ging durch die Gassen wie ein Nachtwandler und horchte nur auf das, was in ihm selber war. Da pfiff ihm einer dazwischen, unrein und schrill. „Von allen den Mädchen so blink und so blank gefällt mir am besten die Lore.“

Er kam die Straße herauf und mußte an Georg vorbei. Langsam ging er, die Hände in den Taschen, und pfiff immer von neuem die gleichen Takte. Wollte es kein Ende nehmen? Es war zum Verzweifeln. Was ging den Kerl die Lore an? Was hatte er zu pfeifen? Und so zu pfeifen?

Und Georg konnte nicht sagen: still, Mensch. Er hatte die Straße nicht gepachtet. So, endlich bog der Störenfried in eine Seitengasse ein.