Aber das war zu spät. Es war, als ob ein großer, frecher Spatz, den dicken Kopf voran, durch ein feines, zierlich aufgespanntes Spinnennetz gefahren wäre und sich nicht darnach umsähe, daß das Spinnlein nun erschreckt in einer Ecke sitze, und die zerrissenen Fäden im Winde hingen. Denn auch hier waren die Fäden zerrissen. Da ging Georg Ehrensperger still und bedrückt weiter, und nach einer Weile stampfte er aus einem machtlosen, inneren Grimm mit dem Fuß auf. Aber das half nichts. Er versuchte, die Fäden wieder anzuknüpfen, und als es ihm nicht gelang, und er gerade in der Nähe der Neckargasse war, beschloß er, sich auf einen Augenblick an Lorens Anblick neu zu begeistern. Er hatte gestern ein schönes Dämmerweilchen mit ihr erlebt. Es war noch nicht zu spät, sie heute zu grüßen.
Im Laden brannte noch eine kleine, stark zurückgedrehte Gasflamme; die Ladentür war angelehnt. Frau Maute mochte irgendwo einen kleinen Schwatz mit einer Nachbarin halten. Da kam Georg ungehört zur Tür der Ladenstube.
Das kleine Fenster in der Tür war mit einem leichten Vorhang verhüllt, und hinter dem Vorhang webten ein paar Schatten hin und her. Gedämpfte Stimmen, ein leises Mädchenlachen, dann sahen die Schatten aus, als ob sie sich zusammenschlössen.
Georg klopfte. Innen knurrte die Dogge. Ein Hin- und Herhuschen, eine Pause, dann öffnete Lore. „Ach, du bist’s. Es war mir doch, als ob es klopfte. Hat die Tür nicht geschellt? Wo ist die Mutter?“ Sie sah erhitzt aus; das Haar lag ihr lose und etwas zerzaust um das Gesicht; die Augen funkelten.
„Kommst du herein?“ fragte Lore. Sie fragte es kurz und etwas verlegen. Da sah er sie erstaunt an. War sie das? Sie war ein anderes Mädchen als gestern. Drinnen lag die Dogge auf dem Boden; sie sträubte sich und knurrte. Am Fenster stand ihr Herr. Er hatte die Arme auf dem Rücken; er sah aus, als ob er die kleine Stube fülle, so hoch und mächtig war seine Gestalt und so blitzten seine Augen. Georg fand keinen Platz für sich hier drinnen. Er setzte sich, aber er wußte nichts zu sagen; es war ihm eng und schwül. Wäre er doch nicht hier hereingekommen. Wäre er doch nur zuhause. Denn wo flohen nun seine Töne hin? Er hatte sie hier neu anknüpfen wollen.
Da fing Lore an, mit dem Hund zu spielen. Er legte ihr die Tatzen auf die Schultern und leckte ihr die Hände. Und sie schwatzte mit ihm und ihre lachenden Augen gingen zwischen dem Herrn und dem Hund hin und her und streiften zuweilen Georg, der etwas im Schatten saß: „so mach’ doch ein anderes Gesicht, Schulmeister. Du bist ein Schulmeister, ja, aber ich lasse mich nicht von dir kritisieren. Gestern? Ja das war gestern. Aber heute ist heut.“
Georg hatte die bekannte Falte zwischen den Brauen und sein Gesicht mochte ihr einige Mißbilligung dessen, was er sah, ausdrücken. Es war ein unbehagliches Dabeisein. Der hochgewachsene Mensch am Fenster sah so erdrückend auf Georg, der schmal gebaut und unsicheren Wesens und ganz und gar kein Ellbogenmensch war.
Er drückte ihn durch sein bloßes Dabeisein zur Türe hinaus. Da erhob er sich und nahm Abschied. „Gute Nacht, Lore.“ Sie blieb mitten in der Stube stehen und es war Georg, als fliege es wie Spott über ihr schönes Gesicht, und als höre er die tiefe Stimme des Hausgenossen noch lachen, als er schon vor dem Haus war, über ihn lachen.
Vor dem Haus begegnete ihm Frau Maute.
Sie trug einen großgeblumten Morgenrock ohne Gürtel und sah wie immer ein wenig theatralisch aus. Der Aufschwung war nicht besonders hoch gegangen. Aber das war ja auch nicht zu erwarten gewesen.