„Ja, nicht wahr, die Lore,“ sagte sie, als Georg mit kurzem Gruß an ihr vorübergehen wollte. „Hi, hi.“ So lachte sie. Es war, als ob sie einen Refrain lache zu dem Lachen, das er eben da drinnen verlassen hatte. „Nicht wahr, die Lore? Das ist ein Mädchen. Sie ist etwas verwöhnt; das ist sie. Aber man muß sie machen lassen. Hi, hi.“
Da stürmte er voran, daß sie ihm kopfschüttelnd nachsah und beschloß, mit der Lore zu reden, obgleich das eine keineswegs leichte Sache war. Es mußte doch sein. Denn der junge Mann hatte allerlei gute und solide Eigenschaften an sich. Und obgleich Frau Maute nicht gerade das war, was man gewöhnlich mit solid bezeichnet, so wußte sie es doch zu schätzen, wenn andere es waren.
Ein Brief von Gertrud. Er lag auf dem Klavier, als Georg seine Stube betrat.
Als Georg ihn sah, wurde ihm schon freier und ruhiger zu Mute. Und während er ihn las, trat das Mädchen neben ihn in seiner klugen, warmen, einfachen Art und faßte seine Hand: „Ganz verstört bist du? ganz verwettert? Ach, das ist alles nicht so arg. Nun setz’ dich ans Klavier und spiele. Angefangen. Das kommt alles wieder, das ist nur ein bißchen verscheucht. Siehst du? Hier setze ich mich hin und horche. Ich bin dein guter Kamerad. Das bin ich.“
„Gertrud.“ Er sagte es laut vor sich hin. Dann las er den Brief zum zweiten mal. Die einfachen, kleinen Erlebnisse aus der Welt seiner Kindheit kamen ihm vor wie lauter sonn- und festtägliche Bilder. War es noch lang, bis er nach Hause konnte?
Es kam ein Drang über ihn. Was sollte er hier?
Da setzte er sich ans Klavier, und sah auf den Stuhl am Fenster, ob Gertrud dort sitze, und es war ihm, als ob alle verscheuchten, zerflatterten Geister und Geistchen wieder zutraulich wurden und ihre Stimmen hergäben. Es war alles still, im Hause und rings umher. Er aber saß und hielt aufs neue fest, was der nächtliche Spitzberg ihm geschenkt hatte, und spielte, und stand nach einer Weile auf und holte die Geige, die im Kasten auf seinem Tisch lag. Ja, nun hörte er alles wieder; ganz voll Musik war seine Seele, und er war selig und unselig zu gleicher Zeit. Denn er hörte es deutlich in sich; das war das Schöne; und er konnte es nicht so hervorbringen, wie er wollte; das war das Schwere. Es mußte für Klavier und Geige zusammen werden, die beiden miteinander mußten es singen können. Und er holte sein Notizbuch und legte es neben Gertruds Brief auf den Tisch, als ob der ihm helfen sollte, und schrieb auf, was sich ihm in eine Form fügen wollte. Und bald war er so froh, als ob er an der Weltschöpfung Teil habe, und bald legte er den Kopf auf die Geige und wollte es aufgeben, etwas aus ihr herauszuholen, so verzagt war er.
Da knarrte es auf der Stiege von behutsamen Tritten und dann trat nach vorsichtigem Klopfen Meister Riedel ins Zimmer. Er trug seine stramingenähten Hausschuhe in der Hand und schlüpfte erst im Zimmer behutsam hinein.
„Ich hab’ noch kommen müssen und es melden,“ sagte er, und seine Augen strahlten. „Er ist da. Der Bub’ ist da. Ich hab’ gehört, daß Sie noch auf sind und Musik machen.“
Georg war noch nicht so recht an der Weltoberfläche angelangt, er mußte sein Bewußtsein zusammen sammeln. „Was für ein Bub?“ fragte er. „Wer ist angekommen?“ Es war ihm, als ob er es wissen sollte, aber es fiel ihm nicht gleich ein.