„Das ist er.“ Sie horchten beide.
„Mir geht’s auch so,“ sagte Georg. „Daß ich nämlich noch nicht ins Bett mag. Bei mit geht auch etwas um, das lebendig werden will. Ich hab’ etwas komponieren wollen, etwas Wunderschönes. Droben auf dem Spitzberg hab’ ich’s gefunden. Aber ich kann’s nicht recht loskriegen. Stückweise, ja; einmal auf dem Klavier und einmal auf der Geige, aber es hat keine rechten Zusammenhänge. Hier, in mir drin, da hab’ ich’s.“ Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. „Da tönt alles miteinander. Nein, ich geh’ noch nicht ins Bett. Ich spränge ja doch wieder heraus und finge von vornen an.“
„Wissen Sie was?“ Meister Riedel machte ein vergnügtes Gesicht über einen guten Einfall, der ihm kam.
„Da oben ist’s nichts mehr. Es geht stark auf ein Uhr. So späte Wiegenlieder sind nicht so passend. Wir geh’n in den Keller. In den kleinen, hinteren Weinkeller. Dort setz’ ich mich auf ein Faßlager und höre zu und Sie spielen sich’s vom Herzen herunter. Da wird’s dann schon kommen. Vorsichtig, leise. Die Treppe knarrt bei jedem Tritt, sie ist alt, wie das ganze Haus. Morgen früh wird die Frau schelten; es kann nichts im Hause vor sich gehen, ohne daß sie es hört. Aber so sind die Frauen. Was sie nicht sehen, das hören sie; was sie nicht hören, das ahnen sie sonstwie.“
Da stiegen sie in Strümpfen die Treppe hinunter und bargen sich und ihre wachen Lebensgeister im Keller.
An einem Drahthaken von dem runden Deckengewölbe herunter hing schaukelnd und schwebend eine Ampel, die warf rötliche, flackernde Lichter durch den dunklen Raum. Zwischen zwei braven, bauchigen Fässern saß der Meister auf dem Faßlager, stützte beide Ellbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände. Gluck, gluck, gluck fiel es in eintönigem, hellem Tropfenfall irgendwo in einer Ecke aus einem hochgestellten Gefäß in ein niedriges. Sie horchten beide eine Weile darnach hin. Immer der eine Tropfen; sonst tiefe Stille.
Da, in dieser mitternächtigen Stunde und vor dem viel älteren Mann, zu dem ihn ein Gefühl von Freundschaft und Vertrauen hinzog, weil er gleich ihm sinnig und nachdenklich war und zu den Horchenden gehörte, da wuchs Georg Ehrensperger der Mut aufs neue. Und er stand unter der schwebenden Ampel und hielt die Geige im Arm und spielte. Meister Riedel sah mit warmen, freundlichen Blicken auf den jungen Mann, der während des Spielens glänzende Augen bekam, und nickte ihm zu und sagte in einer Pause still und bedächtig: „Das ist, als ob Sie mir das alles erzählen und als ob ich es ganz verstände.“ Und fing an, langsam und die Worte zusammensuchend, zu reden: „Ich weiß nicht, wie es den andern geht damit. Sie sagen: Musik ist Musik. Tönen muß das und klingen. Ich meine: Reden muß es. Alles das, wofür es keine Worte gibt und will einen doch auseinanderdrücken, das kann man so sagen. Ganz von unten herauf. Mein Vater, der schwere Sorgen hatte, und nach und nach blind wurde und oft einherging, den Kopf und die Schultern gebückt wie unter einer Last, der setzte sich oft im Dämmer, wenn er sich allein glaubte, ans Klavier. Und was er sonst niemanden sagte, das tat er da von sich. Zuerst war es lauter Jammer, als ihm nach und nach das Licht seiner Augen erlosch, und dann fand er den Weg zu einem Choral: ‚Wenn wir in höchsten Nöten sein,‘ oder ‚Befiehl du deine Wege.‘ Und ich stand manchmal in einer Ecke und horchte und meinte, ich kenne ihn erst jetzt. Später, als er still und friedlich seine letzten Jahre hinlebte, da hat er auch noch heitere und freundliche Töne gefunden. Als unser erstes Kind zur Welt kam, die Lene, da hat er nichts gesagt, sondern hat nur so still für sich hingelächelt, und dann hat er ein Lied gespielt, das tat wie ein Schlaflied, ganz zart und fein. Aber auf einmal hat das aufgehört, da hat es aus dem Klavier herausgewettert, wie wenn einer einen Juchzer unterdrücken will und kann nicht mehr und muß hinaussingen; und nachher ist ihm der Schmerz dreingekommen: daß er es nicht sehen kann, das Kind nämlich.
Und sehen Sie, Herr Ehrensperger, alles das, was einer gern in seinem Leben drin hätte und hat’s nicht und muß sich danach sehnen und kann’s niemand sagen, das, mein’ ich, das sollte man auf so einem Instrument sagen können. Ich kann’s nicht; wenn’s mich packt und ich will’s probieren, dann bringen’s meine schweren Hände nicht heraus. Oder fehlt es sonstwo. Aber wenn einer ein rechter Musiker wäre, und er wüßte von allem Schmerz und von aller Freude der Menschen, und hätte den Glauben, daß da etwas dahinter steckt, hinter dem Leben, etwas, das man nicht sehen kann, etwas Großes, Schönes, das zu uns gehört, dann — dann müßte es sein, wie eine Predigt, was er spielt.
Ich kann’s nicht so sagen, wie ich’s meine.“ Er lächelte ein wenig verlegen, daß er so viel gesagt hatte, da er am hellen Tageslicht eher ein schweigsamer Mann war.
„Ich red’, wie ich’s versteh. Ich hab’ noch nicht viel ganz rechte Musik gehört. Ein paar mal in meinem Leben. Das vergeß ich nie. So alt ich werd’, vergeß’ ich’s nicht. Aber ich mein’, ich spür’s, wie es sein müsse und wie nicht, und ob’s von unten herauf kommt. Man spürt’s ja den Leuten auch an, ob sie fromm sind und recht und ehrlich, oder ob sie nur so daherreden.“