Da stand er auf und holte ein Glas aus einer Mauernische und füllte es mit einem braven, roten Wein, der war bei Stetten im Remstal gewachsen, und bot es seinem jungen Genossen. Der tat einen tiefen Zug daraus, und sah den Meister an und mußte ihn liebhaben, und fand auch das Wort, ihm von seinem jungen Leben und von seinen Freuden und Unruhen und von seinen Wünschen und Träumen zu erzählen.

Darauf trank auch der Meister und füllte das Glas aufs neue. Da tranken sie umschichtig aufs Wohlsein aller, die zu ihnen gehörten und auf ihr eigenes, und auf das Gedeihen aller schönen Lebensplane und spürten mit der Zeit die freundlichen Geister des Remstälers, der ihnen mutmachend und siegverheißend durch die Adern strömte, besonders dem Jüngeren. Zuletzt nach allen tranken sie auch aufs Wohlsein der Lore, nachdem sie miteinander beredet hatten, daß so „die meisten jungen Mädchen“ seien. Es tat nichts zur Sache, daß sie beide nicht viele junge Mädchen kannten, es war doch ein beruhigender Schluß.

Und nach einiger Zeit nahm auch der Meister die Geige und spielte ein paar schöne, alte Volkslieder: „Es war ein Markgraf überm Rhein,“ und „Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie“.

Sie sangen auch dazu, daß das Gewölbe widerhallte, der Meister mit einer schönen, tiefen Baßstimme. Droben schlief die Welt; hier unten war waches Leben.

Als es auf der Stadtkirche vier Uhr schlug, spuckte und knisterte die Ampel und wollte erlöschen. Da hoben sie das Gelage auf und suchten beim letzten Flackerschein den Ausgang und erstiegen die Treppen. Und es war nun eher als beim Abstieg zu fürchten, daß die hellhörige Frau ihr Teil zu denken bekomme. Denn allzu leicht waren ihre Tritte nun nicht mehr.

Es bleibt über das Schicksal der beiden Neugeborenen dieses Abends noch zu sagen, daß Meister Riedels Sohn nach drei Wochen richtig Friedrich getauft wurde und daß er jetzt in einer Präparandenanstalt für künftige Schullehrer ist und ihm also die Welt offen steht, wenn auch nicht ganz so unumschränkt, wie sein Vater damals andeutete. Und daß Georg Ehrensperger in einer mutlosen und zornigen Stunde einige Wochen später die Niederschrift seines Musikstücks, das er „Frühlingsnacht“ hatte taufen wollen und das nie fertig geworden war, in tausend kleine Fetzen zerriß und hernach ganz gebrochen in der Küferwerkstätte auf einer Schnitzbank saß, den Kopf in die Hände gestützt.

Der Meister stand vor ihm, den Helmle auf dem Arm, und machte ein bedenkliches Gesicht.

„Das geht nur so,“ sagte er. „Gleich zerreißen, gleich ganz wegwerfen. Wir hätten es doch noch zusammen gespielt. Es ist viel Schönes drin gewesen. Es wird einer nicht gleich Meister. Aber so ist solch ein junger Feuerkopf, gleich, entweder ganz oder gar nicht.“ Denn Georg hatte versichert, er lasse in Zukunft die Hände davon, es sei sicher, er bringe nie etwas zustande. „Ja,“ sagte er und hob den Kopf: „Entweder ganz oder gar nicht. Das Stümpern, das hat ja keinen Wert. Ich will es lassen; ich habe ja anderes zu tun. Ich muß mich ans Studium machen, es wird Zeit. Die Semester gehen so schnell herum.“

Der Meister lächelte; aber das konnte auch dem Helmle gelten, der seinen Lockenkopf ganz in den väterlichen Bart hineinwühlte. Er stellte den Buben auf den Boden und nahm das Schnitzmesser. „Ja, dann wollen wir uns halt ernstlich an die Arbeit machen und sehen, wie weit wir’s bringen. Es war aber doch schön an dem Abend, nicht? Ja, dann müssen wir das halt lassen in Zukunft.“ Da ging Georg Ehrensperger aus dem Hause, wie einer, der ein schweres Gelübde getan hat und den es bereits anfängt zu drücken.

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