Sie hatten im Keller Lorens Gesundheit getrunken und das war für Georg so eine Art von Versöhnungsakt gewesen. Wenn er sich recht besann: er hatte wohl ebensoviel Schuld an dem unerquicklichen Abend, als sie. Am nächsten Tag ging er nicht hin. Am übernächsten kam er zufällig über die Neckarbrücke, da sah er sie von Weitem in dem schmalen Mauergärtchen, das sich längs des Hauses am Neckarufer hinzog. Sie saß auf der sonnigen Mauer und hatte ein paar Nachbarskinder um sich her. Die strebten an ihr in die Höhe und sie schien irgend einen vergnüglichen Unsinn mit ihnen zu treiben, soviel von weitem zu sehen war.
„Sie ist selber noch ein Kind,“ dachte Georg, er konnte die Augen nicht von dem fröhlichen Bild da unten losbringen. Ach ja, nun wollte er hingehen und nicht so empfindlich sein. Da sah sich Lore um und winkte ihm zu. Und nach zwei Minuten saß er neben ihr auf der Mauer und die Nachbarskinder steckten ihm alle Knopflöcher des Rocks und der Weste voll mit roten und weißen Blümchen, und Lore sah ihn an, so sonnig wie der Apriltag. Hatte es vor zwei Stunden noch geregnet und geschneit untereinander? Wer wußte das noch? Es dachte kein Mensch mehr daran.
Siebentes Kapitel
War hier der Weltlauf stehen geblieben? War es noch alles ganz wie einst? Ein Drehorgelmann zog durch Wiblingen und blieb vor all den alten Häusern stehen, und als er seine Lieder herausorgelte, da taten sich die Fenster auf und die Haustüren, und Köpfe bogen sich heraus, junge und alte, und Leute traten unter die Türen und suchten eine kleine Münze heraus. Handwerker hielten einen Augenblick mit irgend einer lärmenden Hantierung inne, und Lehrjungen suchten durch eine Hintertür zu entwischen, um ein Stückchen hintendrein zu traben; Großmütter und Mütter hüteten ihren Nachwuchs unter den Akazien des Marktplatzes, aus allen Höfen, Häusern, Gassen und Gäßchen quoll es von Kindern, — es war alles ganz wie einst. Nur daß jetzt Sommer war und die Akazien dichte, grüne und etwas staubige Kronen hatten; und daß es nicht mehr jener grimmig-lustige Spielmann war, dessen einer Arm in Frankreich begraben lag, sondern ein alter, mühseliger Blinder, der die lichtlosen Augen, während er die Orgel drehte, sehnlich nach der Sonne hob, weil ihm von ihr etwas wie ein ferner Lichtschein in seine Nacht hineindrang. Ein großes, starkknochiges Weib zog ihn mit festem Griff hinter sich drein, und ließ ihn hie und da los, um die Münzen, die aus den Fenstern fielen, in der Schürze aufzusammeln.
Es war alles, wie einst, nur daß die Kinder von damals nun erwachsene Leute waren, und die jungen Leute von damals ältere, gesetzte, biedere Bürger, und die Alten, — ja, von den Alten müssen wir hier ein wenig reden. Wir wollen uns im Leben und im Buch nicht allzuweit von den Alten entfernen. Denn sind sie nicht vor uns dagewesen, und haben einen Zaun um uns geschlossen, daß wir aufwachsen konnten, ehe die Unbilden des Lebens uns hart anließen? Haben sie uns nicht gegeben, was sie zu geben hatten, und ist nicht jetzt noch manches von ihnen zu holen, das wir zu unserer jungen, eigenen Weisheit hin gut und nötig brauchen können? Sie könnten eines Tages nicht mehr da sein, wenn wir nach Hause kommen. Sie könnten leise fortgegangen sein, wenn wir’s uns nicht versehen haben; ja, wenn wir uns in der weiten Welt umhertreiben und aus allen Bechern trinken, und nach aller Weisheit suchen und aller Kunst, — es wäre doch möglich, daß wir darüber etwas versäumten, das wir später nicht mehr wiederfinden.
Ja, so ist es uns mit Frau Anne gegangen, mit der Rektorin Cabisius. Als wir fortgingen, saß sie noch in dem großen Lehnstuhl, den wir so wohl kennen, und hatte noch ihre Freude am Leben und Dasein, und hatte auch einiges daran auszusetzen, und einiges zu sorgen. Aber sie war ganz unzweifelhaft da. Und nun —
Der blinde Orgelmann zog durch das Städtchen, und auch an des Rektors Haus gingen die Fenster auf, und im Oberstock neigte sich horchend ein weißer Kopf heraus und nickte lächelnd, als das „Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt“ von der zitternd-warmen Sommerluft hier herauf getragen wurde. Ein paar kräftige Züge aus seiner Pfeife tat der Rektor, dann wandte er sich der Stube zu: „Hörst du’s?“ Aber sein Gesicht verschattete sich, und er strich sich mit der Hand über die Stirn. Es geschah ihm hie und da, daß er sich einen Augenblick vergaß. Wenn man ein ganzes, langes Leben miteinander geteilt hat, dann gewöhnt man sich nicht mehr leicht um. Sie war noch immer um ihn, trotzdem, daß ihr Stuhl leer stand, trotzdem, daß auf ihrem Grab schon die weißen Sommerlevkoyen blühten. Er meinte zu fühlen, daß sie ihm nahe sei. Sie hatte sich ja, ehe der Vorhang zwischen ihm und ihr herabgelassen wurde, noch einmal umgewandt: „So, Alter, also du kommst ja auch bald;“ als ob sie, wie in den ersten Jahren ihrer jungen Ehe, auf ein paar Tage ins Elternhaus reise, und er nachkomme, sie abzuholen.
Ja, er konnte sie freilich nicht verlieren. Aber es war doch anders, als vordem. Ach ja, es war doch anders. Die Welt wurde doch allmählich ein wenig fremd und leer. Er hatte sein Stück Arbeit darin getan und sein Stück Menschenleben, ja ein volles und großes Stück Menschenleben darin gelebt, und seit ihm Frau Anne keine Antwort mehr gab, wenn er mit ihr redete, seither kam es hie und da über ihn, wie es über die Schwalben kommt, wenn es Herbst wird.
Aber als er nun wieder ans Fenster trat, nicht, um dem Orgelmann zu lauschen, sondern um den weißen, schwimmenden Wölkchen in der fernen Himmelsbläue nachzusehen: wohin sie schifften, und ob sie wohl eine Botschaft mitnehmen könnten in ein fremdes, unbekanntes Land, da vernahm er spielende Kinderstimmen auf der Straße, und das hohe, klägliche Weinen eines Kleinen in seinem Wägelchen, und sah eine Mutter aus dem Nachbarhaus treten und sich tröstend über das Kind beugen. Und er sah Gertrud, seine Enkelin, wie sie mit einer Gießkanne und einem großen Blumenstrauß aus dem Garten kam, und sein Herz kehrte zu ihr zurück, wie sie so ernst und gelassen daherkam in ihrem schwarzen Kleid, mit dem stillen, klugen Gesicht. Da freute er sich, daß die Kinder auf sie zusprangen und um Blumen bettelten, und daß sie sich auf die Staffel setzte und den kleinen Bettlern die Hände mit Balsaminen und Reseden und Rittersporn füllte. Er war sein Leben lang so ehrlich und ganz und mit liebendem Herzen in der Gegenwart gestanden, er hatte auch jetzt noch Teil an Gottes Menschenkindern. Er hatte Teil an ihnen, so lange er lebte. Nein, es gab keine Trennung zwischen der Welt, die man sieht, und der, die man nicht sieht. „Ach, Anne,“ sagte er, und sagte es laut, und es war ihm, als nicke sie ihm zu, rasch und lebhaft, wie in ihren besten Tagen: „Wir müssen so jung sein, als wir können, Alter, für das Kind.“
Da klopfte er die Pfeife aus und stieg hinunter und wollte Gertrud rufen: „Komm, wir tun noch einen Gang durch den Garten.“ Die Drehorgelmusik tönte fern verhallend vom Stadtgraben herüber. Dort führte der Weg ins Nachbarort, Wiblingen hatte nun sein Gutes empfangen.