Als der Rektor hinunterkam, war Gertrud nicht mehr allein bei den Nachbarskindern.
„Ja so,“ sagte er, „ja so, der Herr Kandidat ist da. Grüß’ dich Gott, Georg. Steht Tübingen noch? Alles am alten Fleck, wie einst? Ja? Dann wollen wir’s uns überlegen, ob wir uns da hinwagen, Gertrud. Nächsten Herbst, falls wir den erleben, zum Hausweihfest der Verbindung. Ich bin der älteste von den alten Herren, Georg. Ich möchte mich wohl noch einmal unter euch junges Volk hineinsetzen, so recht ins Volle.“
Georg stimmte eifrig bei. Er war zur Hochzeit seines Bruders Franz hierhergekommen. Die sollte morgen sein. Vor zwei Stunden war er angekommen.
„Sie können mich drüben nicht brauchen,“ sagte er. „Jungfer Liese hantiert mit der Schwägerin im Haus herum. Ich weiß mich nirgends hin zu retten. Auch habe ich einen Sack voll zu erzählen. Ich weiß nicht, wo anfangen.“
„An irgend einem Zipfel,“ sagte Gertrud und lachte. Wenn sie lachte, hatte sie gleich ein anderes Gesicht, ein junges, warmes. Sonst — Georg hatte, als er kam, gedacht: „sonderbar ist es; sie ist so alt wie Lore, aber sie ist so ernst und ruhig und klug. Sie ist etwas anderes, etwas Gutes, Prächtiges; aber ein junges Mädchen ist sie nicht.“
Jetzt atmete er befreit auf, als sie lachte.
„Geht ihr beiden nur in den Garten,“ sagte der Rektor. „Später komme ich auch zu euch. Ich muß meine alte Freundin besuchen, Frau Judith. Leicht geht es nicht mehr: Hundert und fünfzig Treppenstufen. Ich bin nah an achtzig, Kinder. Aber es ist so eine Sache, sie ist mit mir jung gewesen. Meister Nössel? ja, der auch. Aber Judith weiß noch mehr von damals. Er sitzt dabei und horcht, wenn sie erzählt. Ja, das werdet ihr auch noch erleben, wenn ihr alt seid, wie das tut, wenn noch irgendwo ein Mensch aus der jungen Zeit da ist.“
Da lachten sie beide. Sollten sie jemals so alt werden? Breit und weit lag das Leben vor ihnen.
„Wir kommen auch auf den Turm, übermorgen.“ Das riefen sie dem Rektor nach. „Frau Judith muß uns Märchen erzählen, bis ihr der Atem ausgeht. Vom Rotkelchen Liebseelchen, und von Jorinde und Joringel.“
Er winkte, er wollte es ausrichten.