Ja, übermorgen! Wer hat übermorgen in der Hand?
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Am andern Tag war die Hochzeit.
Die goldene Bretzel über der Ladentür des Ehrenspergerhauses prangte in neuem Glanz. Festlich prangten schlanke Birken links und rechts von der steinernen Staffel, festlich duftete das ganze Haus nach Gebackenem und Gebratenem, festlich knirschte der Sand auf Treppe und Hausgang unter den Tritten der Hausbewohner.
Die beiden Edelleute in der Ladenstube waren unvertrieben und sahen nur von einer neuen blauen Tapete herab auf Franz den Jüngeren und seine Braut. Sie mochten sich noch des Tages entsinnen, da vordem eine junge Frau hier eingetreten war, ein liebes, feines Ding, ein wenig schüchtern und ein wenig weich von Gemüt, mit hoffenden, hingebenden Augen.
Die heutige Braut war anders. Sie war ebenso groß und breit und blond als Franz, und hatte rasche, kräftige Bewegungen und von Unsicherheit war nichts in ihrem Wesen. Sie war gleichfalls einem Bäckerhause entwachsen und Jungfer Liese staunte, wie rasch sie sich in all’ das Neue fand.
Ja, Jungfer Liese. Sie hatte es ja wahrhaftig in ihren alten Tagen noch zu einem Schwarzseidenen gebracht und ihr rotes, runzeliges Gesicht sah aus einer hutähnlichen Haube mit lila Astern heraus. „Wie ein bekränzter Truthahn,“ sagte Müller Hensler. Aber Müller Hensler war nicht der Allerfeinste, und Jungfer Liesens Würde konnte heute durch nichts zerstört werden. War sie nicht so eine Art von Bräutigamsmutter? War nicht sie es eigentlich, die Franz den Jüngeren an seine junge Frau abgab, und die zugleich mit ihm den Laden und die Ladenstube, den unteren Stock und die lederne Geldtasche an das neue Regiment abtrat? Denn Franz der Ältere nahm sich der Sache nicht so recht an, und Jungfer Liese war die letzte, die es ihm zumuten wollte. Friedlich saß er, das behaglich gediehene Bäuchlein von einer gestickten Sammetweste übersponnen, einen Strauß im Knopfloch, im Großvaterstuhl unter den beiden Edelleuten. Friedlich drehte er und ohne Hast die Daumen umeinander und wartete, wie sich die Dinge entwickeln würden, und als sich der Müller Hensler zu ihm gesellte, da saßen sie, wie ein paar brave Knaben, die warten können, beisammen, und saßen auch nach dem Kirchgang an ihren Plätzen an der Festtafel im Hirschen beisammen, fest und sicher, wie angewachsen. Und als der Abend kam, da konnte jedermann es hören, was für flotte Kerle sie in ihrer Jugend gewesen seien, und daß der Nachwuchs im Ganzen nicht viel tauge.
Es war eine stattliche Hochzeit, und Georg Ehrensperger war ein stattlicher Brautführer und fühlte sich als den Glanzpunkt der Gesellschaft und es war ihm kein unangenehmes Gefühl. Er führte eine Wiblinger Bürgerstochter am Arm, ein großes, bräunliches Mädchen mit einem vollen Rosenkranz in dem krausen Haar und mit weißen Handschuhen an den breiten, schaffigen Händen. Und er tat sein Möglichstes, „Leben in die Sache zu bringen.“ Aber als er gegen Abend am Klavier saß und den Hochzeitsmarsch aus Mendelssohns Sommernachtstraum spielte, kam von einer Seite her Müller Hensler und schlug ihm kräftig auf die Achsel und fragte: „Eigenes Mehl?“ und versicherte den Umstehenden: „Das ist ein Tausendkerl, das macht er alles selber, der Heimtücker, der Pfarrer;“ und von der anderen Seite her kam sein Bruder Franz und sagte: „Da kann man nicht drauf tanzen, du. Spiel etwas lustiges, spiel: Als wir jüngst in Regensburg waren, oder einen Walzer.“
Da ließ Georg für heute das Musikmachen sein und nach einiger Zeit kam es über ihn: Er mußte eine kleine Weile in den Garten hinaus. Er mußte eine Weile allein sein. Der Mond stand am Himmel, die Bäume rauschten leise im Abendwind. Aus dem Saal klangen die Geigen und Flötentöne; da ging er noch ein Stück weiter vom Hause weg.
Er war doch wohl anders, als die da drinnen. Wer aber gehörte zu ihm und seiner Art? Er war doch auch ihres Blutes. Wie hatten Franz und sein junges Weib einander vorhin angesehen, als sie, vom Tanz veratmend neben einander standen. Lachend, frohlockend, verheißend, eines aus des andern Augen trinkend. Und sie waren nicht die tiefsten Menschen. Das war nur, weil sie gleicher Art waren und sich zusammengeschlossen hatten. Und es kam etwas Drängendes über ihn, daß er, während er von den Menschen wegging, sich nach ihnen sehnen mußte.