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Zur selben Stunde schien der Mond in die Turmstube und füllte sie bis in den hintersten Winkel mit seinem silbernen Licht. Die beiden alten Menschen, Frau Judith und ihr Bruder, saßen feiernd an ihren Fensterplätzen und schwiegen einträchtig miteinander und nach einiger Zeit stand Meister Nössel auf und ging, Betzeit zu läuten. Er kam lang nicht mehr. Er hatte es seit einiger Zeit stark mit den Gedanken, oder vielmehr sie mit ihm: sie kamen über ihn, wo er gerade saß oder stand; dann war er ihnen verfallen.

Er stand auf dem dunklen Glockenboden und lehnte an dem Balken eines Glockengerüstes; sein altes Herz aber ging den Tönen nach, die er über die stille Welt hingeschickt hatte.

Er wußte wohl, wie es da unten zuging; er hatte fast allen Wiblingern im Lauf der Jahre die Hosen geflickt und die Hosen nicht allein. Frau Judith wußte es: er hatte manchen Brast, der auf irgend einem Herzen lag, mit sich heraufgetragen und da oben in der hellen Stube vor ihren Augen ausgebreitet. Und wie sie mitsammen ratschlagten, ob der und jener Kittel noch zu reparieren sei und seine Flecken zu tilgen, so bewegten sie auch miteinander in guten und einfältigen Gedanken die unruhigen Wege, auf denen die Leute zu ebener Erde sich die Herzen und den Mut und das Gewissen zerrissen, und fanden aus ihrer eigenen Herzensstille ein gutes Wort und gaben es umsonst darein. Sie konnten nichts dafür, wenn es nicht immer half. Vielleicht war es so, daß sie, die wie wir wissen, ein unsichtbares Königreich hatten, nur denen helfen konnten, die ihres Landes waren: einfachen, einfältigen, gläubigen Gemütern, die in und hinter allem Geschaffenen eines Gottes Herz und Hand fanden. Vielleicht wußten sie mit den andern nicht so zu reden. Tatsache war es, daß einige Leute, die sehr gescheit und von gutem Appetit und nüchternen Anschauungen waren, lachten, wenn sie das eisgraue Schneiderlein mit seinen kindlichen Augen sahen, und daß einige andere Leute ihm die Hand schüttelten und die Kappe vor ihm abnahmen.

Aber Meister Nössel machte sich nicht so viel aus beidem. Vielleicht merkte er’s gar nicht, das kann wohl sein. Da, als er so stand und der Menschen da unten gedachte, fing drüben im Weiler Hinkelsbach ein spätes Glöcklein an zu rufen und vom Wald her, von Buchenbronn und von Ettersbühl kam Antwort; es waren fromme, sanfte Glockenstimmen, die miteinander redeten. Und der Alte, der noch von vorher sein tuchenes Hauskäppchen in der Hand hatte, tat die Hände darüber zusammen und sagte sein:

„Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ,
Dieweil es Abend worden ist,“

und sagte es für sich und für die andern aus einem sehnlichen Herzen heraus. Darüber war er aus seinem Sinnen gekommen und nun stieg er das Treppchen hinauf in die Stube. „Schläfst du, Judith?“ sagte er, als er seine Schwester in dem hellen Mondlicht sitzen sah, den Kopf auf der Brust und die Augen geschlossen. Er lächelte still, da sie keine Antwort gab. „Sie wird allmählich müd,“ sagte er. „Sie hat’s mit dem Schlafen und war sonst so ein munteres Frauenwesen. Was war das für ein Mädchen seinerzeit. ‚Über sieben Buben,‘ sagte die Mutter. Na, sieben, das ist ein bißchen viel. Aber doch. Sie stieg über alle Zäune.“

So, nun war er im richtigen Fahrwasser. Wohin waren alle die Jahre gekommen, die zwischen heut und damals lagen? Wie weggewischt waren sie. Er setzte sich in die eine Ecke des Kanapees. In der andern war gestern abend Rektor Cabisius gesessen. Das war auch so einer. Dem war auch wie vorgestern geschehen, was sechzig und siebenzig Jahre her war. Aber mitten im Gespräch hatte die Judith gestern Zeiten und Personen verwechselt und dann hatten sie miteinander darüber gelacht. Sie, die immer alles so genau wußte.

Meister Nössel fuhr aus seiner Ecke empor. Es hatte elf Uhr geschlagen, noch verzitterte der Nachhall der dröhnenden Schläge in der Luft. Er war ja richtig auch eingeschlafen gewesen. Er hatte eben noch geträumt. Was war es nur gewesen? Er konnte sich nicht mehr recht besinnen und strich sich erwachend über die Stirn. „Judith, komm, wach auf. ’s ist Zeit zum Bettgehen.“ Sie rührte sich nicht. Das Mondlicht war weiter gegangen, sie saß im Schatten. Da trat er heran und legte ihr die Hand auf die Achsel. „Judith, wir wollen noch den Abendsegen lesen. Ich zünde die Lampe an, Judith.“

Aber als er mit der Lampe kam, da sah er, daß sie keines Abendsegens mehr bedurfte. Sie war schon zur Ruhe gegangen. Sie war so müde gewesen.