Da setzte sich Meister Nössel still neben sie. Jetzt war er ganz allein. Aber er wußte schon, daß er das nicht lange bleibe. Er hatte auch nicht mehr weit bis zum letzten Abendsegen.
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Und wieder ein Abend.
Da hatten sie in alter Weise auf den Turm steigen und zu Frau Judiths Füßen sitzen und Märchen hören wollen. Wie in Kindertagen hatten sie tun wollen. Aber sie waren keine Kinder mehr.
Es war aber doch etwas wie aus einem Märchen, was sie heute erlebten.
Frau Judith, die so wunderbare Dinge gesehen, gehört und erlebt hatte, die mußte ja freilich auch anders zu Grabe gehen, als andere Leute.
Hatte sie nicht prophezeit, daß sie einst in der vollen Flut des Mondlichts durch die Luft schwimmen werde, breit und sicher und ohne viel Geräusch? Es war eine weiche, schimmernde, warme Julinacht.
Unten, dem Turm gegenüber, an eine Mauer gelehnt, standen die beiden jungen Menschenkinder, Gertrud und Georg. Sie hielten sich an den Händen gefaßt und sahen stumm in die Höhe. Der Vollmond stand hoch am Himmel und leuchtete seiner alten Freundin, die er so oft da oben besucht hatte. Nun kam sie auf die ebene Erde herunter zu den andern. Sie wollten sie in die weiße Friedhofskapelle tragen und taten es bei Nacht, der Leute wegen. Frau Judith durfte nicht im Tod ein Schauspiel geben; das hatte sie im Leben nie getan.
Der riesige Turm ragte hoch auf; er schien bei Nacht noch massiger und schwerer zu sein als bei Tag. Das bläuliche, unsichere Licht hüllte ihn ein und schien durch die Luken, hinter denen die Glocken hingen, und glänzte in den Fensterscheiben des Kirchenschiffs.
Da kam es von oben her, schwarz und schwer, und senkte sich langsam nieder, langsam, langsam.