Die beiden hielten den Atem an und rückten näher an einander. Die Hände faßten sich fester. So waren sie nicht allein dem unbegreiflichen Etwas gegenüber, das da herniederkam.

Das stieß nun auf dem Pflaster auf. Es gab einen dumpfen Ton. Da stand es still, groß, schwer und unbeweglich. Wie ein dunkles Schicksal stand es da. Das war der Sarg. Ein stummes, stummes Ding. Ein schwarzes Tuch lag darauf, es warf einen langen, schrägen Schatten auf die mondbeglänzte Gasse. Die hellen, starken Seile, die darum geschlungen waren, zogen gerade, feste Striche durch die Luft, von der Höhe des Turmes bis hierher.

Ein paar Gestalten kamen aus dem Turmeingang hervor. Sie sprachen einiges mit gedämpfter Stimme, lösten die Seile ab und hoben den Sarg auf eine Bahre. Dann gingen sie mit der stummen Last davon, man hörte ihre Tritte hallen durch die Nacht.

Droben in der Turmstube flimmerte ein Lichtlein; irgend jemand beugte sich zum Fenster heraus; dann wurden die Seile hinaufgezogen und die Gasse lag still, wie zuvor. Sie atmeten tief auf. Ihre Hände lösten sich auseinander. Das war ein großes, helles Stück ihrer Jugend gewesen, was hier davongegangen war. Das war nun vorbei. Selige Kinder waren sie da droben gewesen. War nun niemand mehr, der ihnen das Paradies der Kindheit hütete, daß sie es finden konnten, so oft sie kamen? Morgen ging Georg wieder nach Tübingen, gleich nach Frau Judiths Begräbnis.

„Wenn ich wiederkomme, erzählt mir kein Mensch mehr Märchen.“ Er sagte es mit unsicherer Stimme; es war ihm nicht um die Märchen zuerst und allein. Er war ja nun Kandidat, er wollte im nächsten Jahr das Examen machen, er war wohl zu alt für solche Kindereien. Er hatte andere Dinge zu bedenken. Nur, er war ein Träumer. Er vergaß manchmal all das andere und war wieder der kleine Bub, dem der liebe Gott hoch oben über der Turmspitze saß und das Ganze überschaute und in dessen Welt es wunderbar genug zuging.

Gertrud schien das in der Ordnung zu finden. Sie wandte sich zu ihm hin. Er sah, daß sie Tränen in den Augen hatte, sie flimmerten im Mondlicht. „Doch,“ sagte sie und zwang sich zum Lächeln und sah ihn mütterlich an, so jung sie war. „Doch, das tu’ ich. Ich habe sie alle in mir drin.“

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Marie, die junge Magd aus dem Weiler Hinkelsbach, die sich so gut aufs Brotbacken verstand und so mißtrauisch gegen das Bücherwesen war, die erlebte zu dieser Stunde, in dieser warmen, düftereichen Sommernacht, ganz hinten im Rektorgarten, da, wo er an den Stadtgraben anstößt, auch etwas Märchenhaftes. Es ist bis jetzt nicht aufgeklärt, was der Seiler Andres Hagenbach, der auf der andern Seite des Stadtgrabens seine Seilerbahn hatte, zu so später Stunde noch dort nachzusehen hatte; und Marie, die noch von der Rektorin Cabisius zu einer regsamen, umsichtigen Magd erzogen war, hätte gleichfalls nicht nötig gehabt, noch bei Mondschein im allerletzten Beet Salat zu schneiden. Der Rektor sagte später in der Hochzeitstischrede, die er den Zweien hielt, die beiden Herzen seien wohl damals schon unsichtbar an einander angeseilt gewesen und solche Seile hätten, das wisse er noch von seiner eigenen Jugend her, eine merkwürdige Zugkraft.

Tatsache war, daß Marie von dem Salatbeet weg, anstatt den langen, geraden Hauptweg nach dem Haus einzuschlagen, nach dem Baumgarten zu ging, sie, die sonst weder für Mondschein noch für einsame Gänge etwas übrig hatte. Und Tatsache war, daß, als Georg und Gertrud nach Hause kamen — sie hatten den Schlüssel zum hinteren Gartenpförtchen bei sich und schritten still und wie im Traum durch den Garten, — daß sich dort unter den Bäumen eine dunkle Gruppe bewegte, flüsternd und, ja nun kam ein zarter Laut, wie ein Kuß, dann noch einer, dann ging jemand fort. Es raschelte und knackte in dem trockenen Stadtgraben, und dann kam Marie unter den Bäumen hervor und sagte, als sie der beiden ansichtig wurde, halb trotzig und halb übermütig: „Er ist mein Schatz. Er will mich. Vorhin hat er’s gesagt. Ich hab’s aber schon lang gewußt. So was merkt man doch.“ Sie war so erregt, daß ihre Augen, sowohl das gerade, als das, mit welchem sie ein wenig schielte, Blitze schossen, Jubelblitze, wenn man so sagen will. „Morgen kommt er,“ sagte sie. „Vornen zur Haustür herein bei Tag. So will ich’s. Er soll’s zum Herrn sagen, die Frau ist meine Patin gewesen.“ Dann ging sie vor den Beiden her mit flinken Schritten ins Haus. Auf ihrer vollen, runden, beweglichen Gestalt und auf ihrem krausen Haar lag das Mondlicht. „Er will mich,“ sagte jede Bewegung, „er hat gesagt, ich sei ihm grad recht, er möchte kein Härchen anders haben an dem ganzen Mädchen.“

Am andern Morgen sah der Rektor, als er seinen Frühspaziergang unter den Bäumen machte, sowohl die abgeschnittenen Salatköpfe als auch das Messer und das kupferne Salatbecken unter dem Süßapfelbaum liegen, der seine äußersten Äste noch über den Stadtgraben hin streckte. Da blieb er stehen und lächelte. Er hatte sich vorhin in der Küche seine Pfeife angezündet, und er besaß Mariens Vertrauen.