Gertrud leuchtete ihm die Treppe hinunter und stellte, als sie unten waren, das Lämpchen in die steinerne Wandnische im Hausöhrn.

„Ich lasse dich zur hinteren Gartentür hinaus. So weit gehe ich noch mit dir.“

Das tat sie meistens. Es war nichts besonderes, daß sie es heute tat. Aber es war ihr anders zu Mut, als sonst. Sie hätte ihm so gern noch etwas gesagt. Er sah so zwiespältig aus, so unsicher.

„Ach, sag mir alles, was dich unruhig macht. So wie sonst. Laß mich an allem teilhaben.“

Aber sie dachte es nur, sie sagte es nicht.

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Es war eine wundersame Nacht. Eine rechte, echte Sommernacht, voll von schwerem Duft der Rosen und des Jasmin. Es war, als ob das Leben nur leise schliefe und sich hie und da im Schlafe bewegte. Ein Rotschwänzchen stieß einen leisen, zirpenden Laut aus, als Gertruds Kleid an der Hecke streifte, in der sein Nest war. Von dem sogenannten Feuersee, einem grün überwachsenen Wasserbecken, das draußen zwischen den Krautgärten lag, scholl das überlaute Quaken der Frösche, im Grase zirpten die Grillen, die Bäume rührten sich im leichten Nachtwind wie im Traum. Am Himmel hielt der liebe Gott das silberne Licht der Nacht in seiner ausgestreckten Hand und leuchtete damit über seine Welt hin. Er hatte gesehen, wie Marie vor einer Stunde ihr glückliches Herz ins Haus getragen hatte, und nun sah er, wie Gertrud schweigend dahinging, sah, wie sie sich im Heben und Dehnen der Brust erst Raum schaffen mußte zu gelassenem Leben und Atmen.

Sie streifte ihren jungen Genossen mit einem erwachenden Blick, so, als sei sie seither in Träumen gegangen und es fiele ihr nun auf einmal ein, was Wirklichkeit sei und was Traum. Und als sie ihn so ansah, wie er groß und schlank neben ihr ging und ein feines Gesicht hatte, in dem alle guten Geister wohnten, da kam es wie etwas Neues über sie, wie etwas Schönes, Großes, das sie seither unbewußt mit sich herumgetragen hatte und das nun die Augen aufschlug: Daß sie beide in ihrer frischen Jugend miteinander durch den Garten gingen, und daß ihr Sein und Werden so miteinander fortgehen müsse, durch Nacht und Tag hindurch und durch die ganze Welt. Wie eine helle, weiße Straße lag das Leben vor ihr, und auf der Straße gingen Gertrud Cabisius und Georg Ehrensperger, in gleichem Schritt und Tritt und hielten sich an den Händen gefaßt und sahen eins nach dem andern. Da strömte etwas Starkes durch ihre Adern, und drang ihr bis ans Herz. Sie schauerte leise in sich zusammen. Sie verstand sich nicht recht. Sie hätte es ihm sagen mögen, der da neben ihr ging, aber statt dessen löste sie ihren Arm, der bisher in großer Selbstverständlichkeit auf dem des Jugendfreundes gelegen war, und wandte sich ab und beugte den braunen Kopf über einen Rosenstrauch, der in voller Blüte stand. Eine volle, duftende, rote Rose drückte sie an den Mund. Da drang ihr die Kühle der Blumenblätter sänftigend in das wallende Blut.

„Was tust du, Gertrud?“ fragte Georg. „Willst du die Welt umarmen?“

Aber sie gab keine Antwort. Sie bot ihm nur abschiednehmend die Hand. „Gute Nacht, Georg.“