„Ja, das ist alles ausgemacht.“

„Alles heut Abend da hinten unter dem Baum?“

„Ja. Nun müssen Sie auch bald —.“ Marie lachte.

Sie durfte sich schon etwas erlauben.

„Gute Nacht, Marie.“

Gertrud stieg die Treppe hinauf. Aber in halber Höhe blieb sie stehen und hörte ihr Herz schlagen. Was war dies für eine Nacht. Es wendete sich alles um und um. Es sah alles anders aus als vordem.

Achtes Kapitel

Die Wiblinger Stadtgemeinde war nicht mehr so ganz überzeugt von ihrer Sicherheit, seit Meister Nössel allein auf dem Turm wohnte. Er war doch allmählich ein hinfälliger, alter Mann geworden. Man konnte nicht wissen, was nächtlicherweile unten in der Stadt geschah, wann der Schlaf zu ihm kam, oder wann sein sehnliches Gemüt hinter den Gedanken drein ging, die in ferne Zeiten wanderten, in vergangene und künftige. So wurde die Turmwächterstelle mit ihren dreihundertundfünfundsiebenzig Mark Einkünften nebst freier Wohnung und Öl für die Laterne neu ausgeschrieben und dem Flickschuster und seitherigen Fabriknachtwächter Konrad Entenmann übertragen, dem Mann der heiteren, raschen, lebendigen Frau Lieselotte, von der wir wissen, daß sie einst von der Rektorin Cabisius geschult und herangezogen worden war. Also blieb der Turm sozusagen „in der Freundschaft“, wenigstens für Gertrud, die nun schon drei kleine Entenmänner über den Taufstein gehalten hatte. Sie zog denn auch hier oben mit ein; wenigstens brachte sie am Abend des Einzugstags die drei Buben auf den Turm, die sie heut gehütet hatte und besah sich das Wunder: wie in der einzigen Stube für zwei große und drei kleine Menschen Platz geschaffen war. An Frau Judiths Fenster stand der Schustertisch samt dem Schemel davor. Ob wohl in Zukunft auch so wunderbare Dinge von hier aus zu erschauen sein würden? Einmal, Frau Lieselotte neigte nicht zum Geheimnisvollen, und — nein, und ihr Mann auch nicht. Nun zeigte sie ihr neues Reich, und sah es mit ihren Augen: „Die Kleiderkästen habe ich auf den Glockenboden gestellt; und draußen vor der Tür, siehst du, Gertrud, da habe ich so etwas wie eine Küche eingerichtet, zwei Schritte lang und drei breit, neben der Treppe. Ein Petroleumherdchen und ein Küchenkasten. Und oben, es geht eine Hühnerleiter hinauf, hast du je den Verschlag gesehen? Das gibt eine Schlafkammer für die beiden größeren Buben, wann sie zu lang werden für das Gitterbettchen.“ Sie drehte sich um und um. „Ich muß mich erst daran gewöhnen, so hoch oben zu sein. Mann, du mußt morgen früh eine Gattertür an die Stiege machen. Handumkehr fällt einer von den Buben hinunter. Buben, das sag’ ich euch, wenn einer da ausrutscht und fällt,“ sie schauderte und nahm den Jüngsten auf den Arm und drückte den zweiten an sich, „dann, dann hau’ ich euch, bis es genug ist. Jawohl, ihr dummen Kinder, das geht hinunter, hinunter, kein Mensch kann sagen, wie weit.“

Sie hatten es nicht im Sinn; sie drängten sich um die Mutter und guckten mit großen Augen das dunkle Treppchen hinunter. Eben war der Vater gegangen, sechs Uhr zu läuten. „Bscht, seid still.“ Frau Liselotte kam sich nun doch auch ein bißchen wie etwas Regierendes vor. Das war ihr Mann, der die Glocke über die Stadt und das ganze Tal hinrufen ließ, und alle andern Menschen waren da unten und horchten.

„Gute Nacht, Gertrud. Ich dank’ dir schön. Gelt, du steigst auch wieder da herauf, du weißt ja den Weg.“