Ja, den wußte sie. Aber es war ihr, als ob sie nicht allzu oft käme. Es war, als ob man aus einem schattigen Hain mit lockenden Pfaden und rieselnden Quellen einen Küchengarten gemacht hätte. Es war ein braver, wackerer Küchengarten, es war gar nichts an ihm auszusetzen, als daß es eben der alte Hain nicht mehr war. Sie mußte sich erst umgewöhnen. Der Mann läutete auch anders, als Meister Nössel, so schien es ihr. Zu schnell und ein wenig unruhig. Als Gertrud an ihm vorbeiging, um hinabzusteigen, sagte er, mitten unters Läuten hinein: „Jetzt heult der Fabrikhund, mein alter Hilfsnachtwächter, zum Erbarmen. Immer beim Läuten heult er. Das kann er nicht ertragen.“ Bam, bam, fielen die Töne dazwischen. „Es ist sonst ein braves Tier, es tut ihm ahnd nach mir, ich weiß es.“ Bam, bam, bam.

Wenn das Georg gehört hätte! Gertrud stieg die Treppen hinunter. Meister Nössel, der vollbrachte das Läuten wie eine heilige Handlung. Wie ein Priester oder ein Künstler. Ernst und still war er dabei und niemand durfte ihn anreden und ein Ton glich dem andern und jeder war ein Rufen nach den Menschenseelen.

Das wußte Gertrud nicht, als sie rasch und unmutig zu sich selber sagte: „So lernts der Entenmann nie, er kann nicht so läuten, weil er nicht so ist,“ daß Meister Nössel draußen in Hollermanns Hütte, die er gestern bezogen hatte, auch auf das Läuten horchte. Und daß er leise sagte: „Du wirst ihn lehren, wie du mich gelehrt hast. In Lieb’ und Leid, in Gemeinschaft und im Einsamsein, in Sehnsucht und Befriedigung, in eigener Not und über fremde Schmerzen hin habe ich die Glocken geläutet. Da haben sie die Welt und mich gesegnet.“

Er lächelte verstehend, als die hastigen, ungleichen Töne niederfielen. Sie taten ihm nicht weh. Er wußte wohl, daß sein Werk getan sei, und das der Glocken an ihm, und daß das beides bei diesem Mann erst anfange.

Stapfte da Frau Judiths Krücke?

Nein, es klopfte jemand mit dem Stock ans Fenster, und als er öffnete, stand sein alter Freund, der Rektor draußen und streckte seinen weißen Kopf herein:

„Komm Leonhard, es ist ein schöner Abend und wir haben alle Freiheit, zu feiern. Wir setzen uns aufs Bänkchen, hinten am Haus, gegen die Felder hin. Hörst du die Amsel? Hörst du, wie sie flötet? Als ob Hollermann in der Nähe wäre. Aber ich glaube, das ist er auch. Nein, wir wollen es nicht bereden. Wir setzen uns hin und horchen. Nachher kommt das Kind, die Gertrud, und holt mich ab.“

Da saßen sie beisammen, bis die Abendschatten niedersanken. Der Rektor hatte es wohl gewußt, daß ihn sein alter Schulkamerad heute brauche. Aber sie sprachen nicht viel. Sie kannten einander allmählich so gut, daß sie miteinander schweigen konnten. Es war ein warmer, schöner Abend im Juli. Es war gerade ein Jahr seit Frau Judiths Tod. Die weiße Kapelle schimmerte im letzten Abendstrahl. Hinten am Horizont erglänzten weiße Wolken mit purpurnen Säumen wie Gefilde der Seligen.

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Er nannte sie immer noch das Kind. Aber sie war kein Kind mehr. Sie war schon lange wachen und regen Geistes gewesen und nun war das noch hinzu gekommen, daß sie sich selbst entdeckt hatte, wie sie jung und kräftig war und aufsteigenden Saft in sich hatte, wie ein starker, gesunder Baum. Es hob ein Fragen in ihr an: wozu, für wen? Und sie reckte die Arme aus gegen das weite Leben und begehrte sich zu füllen mit großen, schönen, reichen Gütern, und sah die Menschen, die rings um sie her waren, und verlangte, warm und nah zu ihnen zu gehören. Auf dem Grunde ihrer Seele aber war das andere: Das Du, das zu ihrem Ich gehörte. Aber das mußte noch schweigen. Das war immer da und sah sie mit großen Augen an: „Du, wenn wir einmal ganz beisammen sind, — immer. — Du, ach, alles, was ich habe, das gebe ich dir. Du, du.“ Da füllte sie ein großer, mächtiger Lebensdrang. „Georg,“ sagte sie. Und dann schloß sie die Augen und deckte noch die Hand darüber. „Still.“