In dieser Zeit bat sie oft den Großvater, wenn sie mit ihm durch den Garten ging oder bei der Lampe saß: „Erzähl mir aus der Zeit, als du jung warest. Als du die Großmutter kennen lerntest. Erzähl mir von meiner Mutter, als sie zum erstenmal zu euch ins Haus kam.“
Da lächelte er und ließ dichte Rauchwolken steigen: „Von deiner Mutter? Ja, ich weiß nichts neues mehr. Es ist mir, als wäre es erst kürzlich gewesen. Sie war gleich zu Hause bei uns, sie hatte eine so warme, sonnige Art. Sie konnte lachen, daß die alten Stuben und Gänge widerhallten, man mußte mitlachen. Hier, in den Augenwinkeln, da saß ihr der Schelm.“
Er sah nachdenklich vor sich hin. Er sah wohl die längst vergangenen Gestalten vor sich aufsteigen?
„Sie war das, was man anmutig nennt,“ sagte er. Dann sah er seine Enkelin prüfend an. „Du gleichst ihr nicht; du gleichst deinem Vater. Der war groß und breit wie du, und hatte so ernste, feste Züge und eine hohe, breite Stirn wie du, — ja und die Nase, die hast du auch von ihm. Sie aber war klein und zierlich und hatte Grübchen im Gesicht, eins in der linken Wange und eins im Kinn. Nein, du gleichst ihr nicht.“
Er wußte wohl nicht, daß er zu einem jungen Mädchen sprach? Sie war ihm im Lauf der Jahre so etwas wie ein Kamerad geworden. Er beredete alles mit ihr, so, wie es Georg Ehrensperger auch tat. Und daneben war sie ihm das Kind, das letzte, das ihm geblieben war.
Sie aber besah ihr Gesicht nachher in ihrer Stube im Spiegel und wurde vor sich selber rot, daß sie es tat.
„Ach, das ist ja einerlei. Ich bin jung und gesund. Still. Ja, ich bin ein wenig braun und eckig und ein wenig ernsthaft bin ich auch. Es liegt nicht viel zu lachen vor. Aber das schadet nichts. Darum bin ich doch — ach, still.“ Und sie zwang ihre Gedanken zu ernsthafter Arbeit, und senkte den braunen Kopf über dicke, schwere Bücher, die redeten von längst vergangenen Zeiten und Völkern und von vieler Weisheit alter Tage, und manche von ihnen in lang verklungenen Sprachen.
Stieg zwischen den Blättern jener Wintertag auf, an dem sie ihre Fußtapfen neben die ihres Kameraden gesetzt hatte: Ich werde ebenso groß und stark und gescheit, wie du? Begehrte sie in gleichem Schritt mit ihm zu gehen auch von Weitem? Oder hungerte sie nach dem Wissen selbst? Es war wohl beides.
Das Lernen füllte sie ein wenig. Aber es war nicht genug. Und sie ging in den Garten und schaffte sich müde und konnte doch nicht alle ihre Kraft verbrauchen. Und holte sich Nachbarskinder und spielte mit ihnen, aber sie konnte es nicht so recht; etwas Weiches, Lachendes fehlte ihr, so stark und mütterlich ihr Herz empfand. Einmal brachte ihr der Großvater einen Schüler, den sollte sie auf das Gymnasium vorbereiten. Das tat sie während dreier Frühlingsmonate und brannte vor Eifer und riß den Buben mit sich und brachte ihn richtig dazu, daß er in der Stadt mit seinen Altersgenossen fortkam. Vorher war er ein träger, unlebendiger Schlingel gewesen. Das Interesse, das hatte sie ihm eingeflößt. Aber nun war er fort. Und sie besuchte ihre Freundin, das lahme Mädchen, das seine ganze Jugend auf einem Fleck versitzen mußte. Dort wurde sie mit leuchtenden Augen empfangen. Sie hatte zuweilen Lust, ihren Kopf in dem Schoß des stillen, feinen Mädchens zu verstecken und zu klagen, daß sie eine Unruhe in sich habe, ein Drängen nach etwas Großem, das doch nirgends sei. Aber sie konnte es nicht. Die Freundin empfing ja ihren Anteil vom Außenleben durch sie; ihr war Gertrud Cabisius das Beste, Reichste, Klügste, das es gab. Sollte sie etwas zu klagen haben?
Nein, Gertrud fuhr fort, ihr Bücher zu bringen und ihr zu erzählen, was der Tag so mit sich brachte und was sie nun wieder gelernt hatte und sah die geduldigen, hingebenden Augen und die blassen, feinen Züge auf sich gerichtet, und hörte, wie aus der Tiefe dieses leidenden Lebens die Sehnsucht sprach, die auch für sich ein Genügen begehrte. Und es war ihr, als müsse sie für sich und für die Freundin noch etwas finden, etwas Großes, Neues, Füllendes.