Es gibt eine Geschichte von einem, der im Wachen viel Hunger zu leiden hatte. Er hatte aber die Gabe, daß er vom Essen träumen konnte, so oft er wollte, und wenn ihm der Magen gar zu arg knurrte, so suchte er wohl auch mitten im Tag irgend ein verschwiegenes Eckchen auf, um dort in der Schnelligkeit ein kleines, bescheidenes Träumlein zu träumen, nur so gegen den gröbsten Hunger. Er konnte es freilich nie so weit bringen, daß er sich wirklich satt vorkam, das stand ihm noch aus; indessen konnte er sich doch einbilden, nahe daran zu sein, und das war immerhin etwas.
Er war aber ein besinnlicher Mensch und dachte sowohl über sich selbst als auch über den Lauf der Welt fleißig nach, und als er seine Augen bei den andern Menschen herum gehen ließ, da fand er, daß sie alle irgend ein Eckchen hatten, in dem sie vom Essen und vom Sattsein träumten, die einen so, die andern anders, und daß der Hunger so vielgestaltig auf Erden sei, als das Menschenschicksal selbst, und das Sattwerden etwas Seltenes.
Franz Ehrensperger der Jüngere, der schien nicht zu den Hungrigen zu gehören und auch kein Träumer zu sein.
Aber darum hatte er doch auch einiges ausstehen, was ihm zum Sattsein erforderlich war.
Als er sich ein Weib genommen hatte, da hatte er geglaubt, nun mit ihr so recht ins helle, heitere, behagliche Leben zu treten. Er sah es gern, daß sie praktisch und sparsam und rührig sei, aber so überaus rührig hatte er sie sich doch nicht gedacht, als sie sich nun in der Folge zeigte. Er hatte große Lust, ein wenig gemütlich zu sein, und hie und da eine Weile vertraulich mit ihr zusammen zu sitzen und auch etwas Gutes mit ihr zu essen, das sie ihm etwa aus Liebe gekocht hätte, und hatte große Lust, öfter einmal den Arm um ihre stattliche, kräftige Gestalt zu legen: „Du, wir wollen wieder einmal über Land fahren. Was sagst du dazu? Wir sind jung; das ist man nur einmal. Wir wollen uns des Lebens freuen.“
Aber da kam er nicht so gut an.
„Was ich dazu sage? Wir sind jung und müssen schaffen. Laß mich los. Wenn man es zu etwas bringen will, muß man sich rühren.“ Da sah er verdutzt drein.
Sie trieb Haus und Geschäft um, daß es eine Art hatte. Sie war nicht schuld, wenn die Habe nicht wuchs, so lange sie am Ruder war. Sie verschwendete nichts, weder Geld, noch Zeit, noch Zärtlichkeiten. Sie hatten richtig eine Weinwirtschaft eingerichtet und die junge Frau war eine umsichtige Wirtin und versorgte die Gäste, ohne viele Worte mit ihnen zu machen, und zog nur die Brauen zusammen, wenn der Schwiegervater gar zu seßhaft an einem der grünen Tische wurde, und mehr noch, wenn Franz ihm hie und da ein bißchen dauerhaft Gesellschaft leistete.
Dann rief sie ihren Mann wohl hinaus und hatte dies und das über das Geschäft mit ihm zu verhandeln, und trieb ihn durch ihre eigene Geschäftigkeit hin und her und er kam nicht recht zum Gemütlichsein.
Das war das erste, was ihn ein bißchen hungrig ließ und was er sich anders ausgedacht hatte.