Dann kam eine Zeit, bald, da wünschte er sich einen Sohn und dachte sich hie und da aus, wie das würde, wenn wieder ein kleiner Franz da sei, und wie dann die Frau wohl oder übel mehr ins Weiche, Mütterliche hineinkommen müsse, und wie sie miteinander vergnügt sein wollten.
Sie aber hatte in dieser Zeit nur noch mehr den Trieb, zu schaffen, zu treiben, zu sparen und auszunützen, also daß selbst Jungfer Liese in einer Mischung von Bewunderung und leisem Unbehagen den Kopf schüttelte. — Das war eine Frau. Die brachte es zu etwas. Aber freilich, so überaus behaglich dabei zu sein war es nicht. — Sie durfte aber nichts dazu sagen, denn die junge Frau hatte ihr einst kurz bedeutet, daß sie alles, was die unteren Regionen betreffe, vollständig übernommen habe und auch gut versehen könne. (Mit Ausnahme, fügte sie hinzu, der wenigen Tage, die sie dann im Bett zu liegen habe, wenn die Zeit herankomme, da solle Jungfer Liese dann für sie eintreten.)
Aber als die Nähterin in der Ladenstube saß und die letzten Stiche an den kleinen Sachen tat, die so einfach als möglich angeschafft worden waren, und die Wiege, die alte Wiege der Ehrenspergersöhne zum Reparieren beim Schreiner war, da stieg die junge Frau eines Tages in den Keller, weil sie neuerdings der Magd nicht recht trauen konnte, und hatte es gewaltig eilig und stolperte über eine Kartoffel, die auf einer Stufe lag. Da glitt sie aus und stürzte die ganze Stiege hinunter und stand wieder auf und kam mit schmerzhaft verzogenem Gesicht herauf. Am andern Tag wurde ein totes Mädchen geboren und die Mutter schwebte in Lebensgefahr. Da konnte nun Jungfer Liese noch einmal ihr altes Amt versehen und das neue einer Wirtin dazu.
Aber das dauerte nicht allzulange. Denn die junge Frau war überzeugt, daß alles den Krebsgang gehe, so lange sie hier liege und sich pflege, und wollte es erzwingen, wieder selbst auf den Füßen zu sein, und ließ sich weder durch des Doktors noch ihres Mannes Gebot länger halten, als sie es selbst für unumgänglich nötig hielt. Da verdarb sie sich und schleppte sich so hin, und lag bald auf dem Sofa, bleich und mager und fast verblüht, und war bald hinter dem Gesinde her mit scharfer Stimme und scheuchenden Worten.
Sie wollte aber nicht nachgeben und zwang es auch wirklich, das Hauswesen wieder in die Hand zu bekommen, obgleich sie erschöpfter war, als sie zeigen wollte und obgleich niemand bei diesem Regiment recht aufatmen konnte; denn sie suchte mit Drängen und Treiben einzubringen, was sie mit eigener Hand nicht mehr vollbrachte.
So kam es, daß eh’ ein Jahr vorbei war, seitdem die Flöten und Geigen der Hochzeit verstummt waren, aus der jungen, blonden Braut ein reizbares, kränkelndes Weib mit scharfen Zügen und scharfem Wesen geworden war, hinter dem die einen die Köpfe zusammenstreckten: „Der Ehrensperger, der hat auch sein Hauskreuz,“ und die andern: „gar zu lang wird er’s nicht haben, denk’ ich.“
Und so kam es, daß, wie oben gesagt, Franz Ehrensperger noch einiges ausstehen hatte, das ihm zum Sattsein gehörte, und daß er sich hie und da des Gedankens nicht erwehren konnte, er habe sich das Ganze anders vorgestellt. Er ging in jener Zeit ein wenig gedrückt umher und saß zuweilen in der Backstube auf einem Mehlsack und nickte da ein, anstatt sich oben einen behaglichen Ruhesitz zu suchen. Jungfer Liese, die hatte wohl auch an das Teil der Güter gedacht, das ihr gehöre. Sie war nicht unbescheiden, wir wissen es. Sie hatte nur davon geträumt, nun mit dem Herrn Vetter in Ruhe und Frieden im Oberstock zu wohnen, für ihn und sich gut zu kochen und mit einem Strickzeug am Fenster zu sitzen und zu sehen, wie die Kunden im Laden aus- und eingingen. Das war ja schon mehr, als sie in ihrer Jugend hatte hoffen dürfen. Dann wollte sie ein Auge auf das Glück und Gedeihen der jüngeren Generation haben und sich in dem Gedanken sonnen, daß sie dieses Gedeihen durch eine Reihe von Jahren gefördert hatte.
Aber ehe sie das genannte Auge so recht hatte darauf werfen können, schloß ihr der Tod beide Augen, nachdem sie nur wenige Tage krank gewesen war, und so ging sie aus der Zeitlichkeit, ohne nur auch an ihrem bescheidenen Gericht von der Lebensmahlzeit sich recht sattgegessen zu haben. Den Herrn Vetter aber ließ sie so hilflos und unbehaglich zurück, wie er sich in vielen Jahren nicht gefühlt hatte, und das hatte Jungfer Liese auch in aller Bescheidenheit vorausgesehen, und es hatte ihr die letzten Lebenstage bitter und süß zugleich gemacht. Denn wer ist, der nicht gerne vermißt werden und der nicht irgendwo nur auch ein schmales, kleines Lücklein hinterlassen möchte, wenn er von dannen geht?
Das ist das Zeugnis über ein Leben, ob es wirklich gelebt worden sei, ob irgend ein Werk oder ein Mensch hinter ihm drein sagt: nun muß ich ohne dich sein.
Das wurde Jungfer Liese zuteil.