Denn der Herr Vetter fühlte sich weder in seinem Hause noch in seiner Haut, die beide unter ihrer Obhut gestanden waren, mehr recht wohl.

Er ging in dieser Zeit fleißig mit dem Müller Hensler, der immer noch der feurige Knabe von ehedem war, mit kurzen, eilfertigen Schritten über den Markt und zum Städtlein hinaus, — (Franz der Jüngere stand dann wohl einen Augenblick unter der Ladentür und sah ihnen nach und wäre gern mitgegangen) — und sie kehrten miteinander in irgend einem Wirtshaus ein.

Da saßen sie und tranken einen oder etliche Schoppen Roten, und wenn sie ganz unter sich waren, so vertrauten sie einander an, wie vielfach die vergangene Zeit der jetzigen vorzuziehen sei, hielten eine kleine, einträchtige Klatscherei über „Die Junge“, und lobten Jungfer Liese über den Schellenkönig, so sehr sie vordem auch ihre Mängel gehabt hatte. So sehr lobten sie sie, daß ihr das linke Ohr, das man das Klingohr nennt, hätte läuten müssen, wenn einem im Grabe überhaupt die Ohren läuten könnten.

Das taten sie einige Wochen, vier oder sechs. Dann zogen sie eines Tages auch zu dreien aus: Die beiden alten Schulkameraden und Franz der Jüngere, alle drei in stattlichen Sonntagsgewändern, jeder eine Nelke von Jungfer Liesens Lieblingsstock im Knopfloch, in dem sauberen, neulackierten Wägelchen des Kronenwirts. Es war an einem strahlend schönen Septembermorgen. Die Fahrt ging nach Tübingen. Sie wollten miteinander ihren Studenten besuchen, so lang er noch einer war. Das zählte nur noch nach Wochen. Das Examen war vor der Tür. Er mochte so verschieden von ihnen sein, als er wollte, darum war er doch ihr Student und sie waren stolz auf ihn.

„Man muß ihn nur aufmuntern,“ sagte der Müller Hensler. „Er kann sicherlich den ganzen Krempel, der verlangt wird, aber er ist schüchtern, das ist es. Bei den Professoren da ist es wie bei meinem Tyras, dem Kukukskerl. Wenn er sieht, daß einer Angst vor ihm hat, so fährt er ihm an die Waden. Wer kecklich auftritt, dem tut er nichts. Was? Die Herren sind auch keine Herrgötter, sag’ ich. Man muß ihn nur aufmuntern, den Georg.“

Also fuhren die drei nach Tübingen, um den jüngsten Ehrensperger aufzumuntern.

Sie hatten einen Gugelhopf unter dem Spritzleder des Wägelchens und ein paar Flaschen Uhlbacher in den Rocktaschen.

Den Gugelhopf lieferten sie unverkürzt ab, den Uhlbacher aber tranken sie selbst. Das war nicht programmgemäß, indessen wurden sie sehr vergnügt davon. So eigneten sie sich um so besser zur Aufmunterung.

Sie hatten den heutigen Tag mit Bedacht gewählt. Die Verbindung, zu der Georg gehörte, hatte sich ein Haus gebaut, das wurde heute eingeweiht. Zu dem Hausbau aber hatte der Vater Ehrensperger beigesteuert, ein Heidengeld, wie er selber sagte. Und darum hatte er beschlossen, der Einweihung beizuwohnen. Er kam sich so ein bißchen wie ein Gönner vor. Wie einer, der ein Recht auf jegliche Ehrung hat.

Als die Stadt in Sicht kam, tranken die drei den letzten Schluck. Sie tranken ihn mit Hochgefühl. Die leere Flasche warfen sie in die Weiden am Neckarufer. Sie selbst setzten sich in Positur. Sollte ihnen einer kommen. Sie waren von Wiblingen. Dort durfte man nach ihnen fragen.