Neuntes Kapitel

Lore. Es wäre vielleicht mehr unsere als Georg Ehrenspergers Sache gewesen, uns um ihr Werden und Wachsen, und um ihre Erziehung, zu kümmern. Wir ließen sie alle ruhig nach Tübingen ziehen, wo ihre Mutter dem Aufschwung huldigen wollte, wir, das heißt die Rektorin Cabisius und Frau Judith, sandten einige sorgliche Gedanken hinter dem Kinde drein: Was mag nun aus ihm werden? Dann aber hatten wir mit andern Dingen zu tun.

Nun ist inzwischen aus dem schönen Kind ein schönes Mädchen geworden, das, soviel haben wir schon gemerkt, auch noch andere Leute als uns nötigt, die Augen aufzumachen in Staunen und Verwunderung, und das, soviel haben wir gleichfalls gemerkt, gar nicht gleichgiltig dagegen ist, ob die Leute auch wirklich die Augen aufmachen und was in ihnen zu lesen ist.

Wir haben auch sonst noch einiges gesehen, was wir lieber vermißt hätten, da es für Georg Ehrenspergers Seelenruhe und für sein Studium zuträglicher gewesen wäre, wenn Lore — kurz, wenn ihre Erziehung in manchen Dingen anders ausgefallen wäre.

Aber eigentlich wissen wir doch nicht so viel von ihr, als wir billig sollten.

Fragt ihre Mutter. Die reibt die Hände ineinander vor Vergnügen und blinzelt mit den Augen: „Ja, ja, das ist ein Mädchen. Ich, als ich jung war, sah ganz ähnlich aus. Geschickt ist sie auch, und flink, und so ideal. Wenn Maute sie so sähe. Er sagte immer —,“ ja, nun bekommen wir den entwichenen Maute auf den Hals. Den schenken wir ihr. Sie hat aber nebenbei ein klein wenig Furcht vor ihrer Tochter, und so wenig uns ein solches Verhältnis gefallen könnte, so muß doch zu Lorens Ehre gesagt werden, daß sie meistens dann mit dem Fuß aufstampft, wann wir auch aufstampfen möchten. Vielleicht hat sie von jeher mehr damit abgeschnitten, als wir ahnen.

Ja, und fragt die Nachbarn. Die Alten sehen einander zögernd an und rücken nicht recht mit der Sprache heraus, denn sie sehen, daß wir ein Interesse an ihr haben.

„Hm,“ sagen sie, „das Mädchen wär ganz recht. Man muß ja eine Freud’ an ihr haben, wenn sie nur aus dem Haus kommt. Freundlich — und immer mit den Kindern voller Vergnügen, und dann, — eine Augenweide. Aber so“ — „ach, da ist die Mutter schuld, die putzt sie und streicht sie heraus, und dann mit den Studenten. Man kann nichts Böses sagen. Nur ein bißchen viel Getue und Eingeladenwerden und Mitmachen. Du lieber Gott, das paßt doch nicht zu den Verhältnissen. Eigentlich ist es ein Wunder, bei der Maute, ich meine, bei der Mutter, — es hätt’ eins übler geraten können.“

Und fragt die Nachbarskinder. Nein, fragt sie nicht. Seht einmal zu. Es fällt euch doch ein Stein vom Herzen, wenn ihr seht, wie sie einander anstrahlen, die Kleinen und das große, schöne Mädchen. Sie macht ihnen auch Puppenkleider und tanzt und spielt mit ihnen; sie muß doch noch ein Kinderherz haben, wenn sie auch gern, sehr gern hört: Lore, du, bleib einmal ganz ruhig. Jetzt scheint die Sonne auf dein Haar und dann sieht es aus wie Gold. Ja, das hört sie freilich gern.

Die Studenten müßt ihr nicht gerade fragen. Die sind oft nicht so zuverlässig in ihren Berichten. Manche sind zu enthusiastisch, manche zu spöttisch, manche wissen auch, was sie wissen, nur vom Hörensagen. Sie tanzen gern mit ihr und bewundern ihre Schönheit, und es ist auch nicht nur einer, der sich in sie verliebt hat. Aber man weiß nichts davon, daß auch nur einer, überhaupt ein Mensch, sie so recht lieb gehabt hätte. Denn lieb haben, das ist immerhin etwas anderes, als verliebt sein und hält auch länger.