Doch ja, da ist jemand. Der wohnt im Dachstock neben den Magdkammern, ebenfalls in einer Kammer. Der liebt sie und sie weiß es, obgleich er es noch nie gesagt hat. Das ist der alte Kopist Riedesel, der den Studenten Manuskripte abschreibt und kümmerlich davon lebt. Er hat trübe, rotumränderte Augen und trägt eine große Stahlbrille; aber hinter derselben hervor leuchtet es auf, und aus den Manuskripten hebt sich der struppige Kopf, wenn ein rascher, leichter Tritt auf der ausgetretenen Treppe hörbar wird. Nun noch ein paar Schritte, dann knarrt nebenan die Tür; dort ist Mautes Kammer, eine Art von Magazin. Da kramt Lore in den Schachteln. Sie singt dazu, eigentlich trällert sie nur, leichte, kleine Liedchen. Dann steckt sie den Kopf zur Tür herein. „Wie geht’s?“ Ach, es geht ihm gut, wenn Lore kommt. Und sie kommt oft. Sie bringt Blumen mit und stellt sie auf das Fensterbrett. Auf den Bettrand setzt sie sich selbst und spricht mit dem Alten. So lieb ist sie da, so offen und so unschuldig. Sie erzählt ihm alles, er weiß alles, versteht alles. Denn er liebt sie. Er sah sie heranwachsen, groß und schön werden, er sah, wie sich die Leute nach ihr drehten, er sah, wie die Mutter war. Gott behüte dich, Kind! Es geschah zum Glück bald, daß sie anfing, ihm alles zu erzählen. Sie zeigte sich ihm, als sie zum erstenmal ausging, um zu tanzen, sie war so fröhlich über ihre junge Schönheit; er war es auch. Aber immer: Gott behüte dich. Sie lachte über ihn, wenn er das so ernsthaft sagte. Aber sie kam immer wieder. Sie kam nicht immer fröhlich. Manchmal hatte sie große, ernsthafte Augen und sah still vor sich hin. Dann fragte er es aus ihr heraus: Manche Leute hätten so eine schöne, friedliche Heimat, da wären sie beisammen und hätten einander lieb. — Oder anderes. Von der Mutter, und daß sie, Lore, oft so unfreundlich gegen sie sei. Aber es sei auch kein Wunder.

Es kamen auch Zeiten, da weinte sie hier oben. Da war einer abgereist, von dem sie vorher so viel Schönes erzählt hatte. Der alte Kopist kannte sie alle gut, die kamen und die gingen. Er neigte teilnehmend den Kopf. Innerlich war er grimmig. Was machten sie aus dem Kind? Sie war ihnen eine Weile gut zum Bewundern, aber sie wollten nicht das Beste in ihr aufwecken. Ja, sie verderbten es geradezu. Die Mutter half mit. O, die. Dumm war sie und eitel.

Er, wenn er jünger gewesen wäre! Aber sie hätte dann nichts von ihm gewollt. Sie war zutraulich gegen ihn, sie mußte einen Ort haben, wo sie alles hintragen konnte. Aber im übrigen. Da schickte sie ihre schönen Augen aus nach einem glänzenden Glück. Die Mutter hatte es ihr zu oft vorgesagt, es schien ihr allmählich so natürlich, daß es käme. Und immer wieder klopfte es an, aber immer wieder war es ein neckisches Spiel, wie der Wind mit einem Baumzweig an das Fenster klopft und gleich ist es wieder still.

Da gewöhnte sich Lore an die Bewunderung, an das Staunen in den Gesichtern der Menschen. Als sie nichts Besseres bekam, trank sie begierig den leichten, perlenden Schaumwein der Tändeleien, der Vergnügungen. Aber immer wieder gingen ihre Augen auf die Suche: wann kommt das Schöne? kommt es bald?

Der Alte wußte es gut. Er hoffte mit ihr. Aber er fürchtete sich auch davor. Denn wenn Lore ging, was hatte er dann noch in seinem Leben? Sie war es, die seiner armen Kammer Glanz und Farbe gab.

Da fing sie auch an, ihm von Georg Ehrensperger zu erzählen. Das klang anders, als bei den andern. Es kam unbewußt ein Stück ganz schuld- und harmlose Kinderzeit mit zum Vorschein, als sie von ihm erzählte. Er sah ihn auch selbst, den schmalen, feinen Menschen mit dem sonderbar verträumten Gesicht.

„Den nimmt sie nicht,“ dachte er bekümmert. Sonderbar, er zweifelte nicht, daß das von Lorens Belieben abhänge. Sie war ihm ja weit überlegen, was Lebensklugheit, was „Helligkeit“ betraf. Und doch war es dem Alten: „Das ist ein Guter.“

Ach nein, es schien nicht, daß der Jugendgespiele etwas ändern sollte an Lorens Lebensführung. Allzusehr war sie überzeugt, daß er noch ein Knabe sei, allzuviel wußte sie zu spotten: „Er sieht nicht, was um ihn her vorgeht. Mit der Nase muß man ihn auf die Dinge stoßen. Mich? ja, mich sieht er wohl.“ Aber das war selbstverständlich. Dann klagte sie sich zuweilen an: „Abscheulich bin ich gegen ihn. Es reizt mich so sehr, ihn ein bißchen zu necken. Dann sieht er so erschrocken aus und wird rot. Ach, er ist ein lieber, guter Mensch. Ich will das nächste Mal recht nett mit ihm sein.“ So war sie dann das nächste Mal, daß Georg verzückt nach Hause ging und dachte: „Das war heut ihr eigentliches Ich, so ist sie. Das andere, das hängt noch so an ihr, außen herum. Das muß noch abfallen.“

Aber es wurde mit der Zeit ein wenig anders. Immer öfter nahm der alte Riedesel die Brille ab, wenn sie hereinkam, und ließ die angestrengten Augen auf seinem Augentrost ausruhen. Denn sie war jetzt oft so fraulich lieb, sanft und demütig.

Immer öfter wußte sie etwas von Georg Ehrensperger zu sagen.